Neue Alben

Ein Straßenrapper erklärt sich – in aller Härte

Archivartikel

Hip-Hop: Der Hamburger Gzuz auf „Wolke 7“

Bei der berechtigten medialen Abreibung für Kollegah & Farid Bang vor und nach dem Echo-Skandal geriet ein wenig in Vergessenheit, warum und zu welchem Ende Gangsta- beziehungsweise Straßenrap überhaupt gehört wird. Antworten hat das neue Album des megaerfolgreichen Gzuz, der dank einer der markantesten Stimmen im Rap-Geschäft auch mit seiner Gruppe 187 Straßenbande, im Duo mit Bonez MC und sogar als Gast der braven Beginner zuletzt das Rap-Geschäft ähnlich bestimmt hat wie zuletzt Kollegah.

Neben den letztmöglichen Provokationen von Gymnasiasten gegenüber Eltern, die wesentlich wilder aufgewachsen sind, dient das Genre vielen Hörern zur Aggressionsabfuhr. Hip-Hop kann wie ein vertonter Actionfilm funktionieren oder blutige Netflix-Serien.

Dazu kommt bei authentischen Nachtschattengewächsen wie diesem Kristoffer Jonas Klauß alias Gzuz aus St. Pauli der offenherzige Blick in ihre Parallel- und Gedankenwelt. Und der wegen Raub verurteilte Hamburger macht aus seinem Herzen auf „Wolke 7“ naturgemäß keine Mördergrube. Sondern liefert auf seiner zweiten Soloplatte Erklärungsmuster für das zutiefst materialistische Weltbild, das er transportiert: Wie Bushido führte ihn seine Rap-Karriere „Vom Bordstein zur Skyline“, also vom perspektivlosen Außenseiter zum „Millionär über Nacht“, der im neuen Mercedes CL aufwacht und seine Familie unterstützen kann – ein „Vorbild“ für die bildungsferne Autoposerszene. Für Gzuz ist das „Wolke 7“, mehr will er offenbar nicht vom Leben.

„Schrei nach Liebe“

Die einzige Chance, es zu etwas zu bringen, ist laut Gzuz und Co.: Härte auf der Straße oder im Hip-Hop. Aufsteigergeschichten à la „Rocky“ oder „Scarface“ faszinieren die Zielgruppe. Verbunden mit Gewaltklischees, die Gzuz wuchtig bedient. Mit Homophobie oder gar Antisemitismus versucht er hier immerhin nicht zu punkten. Ätzende, frauenverachtende Texte kann er aber nicht lassen. Aber auch da klingt eine Erklärung durch: schlechte Erfahrungen mit den „Bitches“. Frei nach den Ärzten ist Gzuz’ Gewalt wohl letztlich nur ein „Schrei nach Liebe“. Nur nicht stumm, sondern laut und hart. (Vertigo/Berlin) – ohne Wertung jpk