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Fabelwesen – voller Alpträume

Archivartikel

Pop: Die 17-jährige US-Sängerin Billie Eilish zaubert ein düsteres Debütalbum mit Weltklasseformat herbei

Gegen Billie Eilishs Pressebilder sieht die junge Amy Winehouse kerngesund und lebensfroh aus: Wer ihr Debütalbum „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ hört, merkt schnell, dass diese 17-Jährige zwar ein echtes Pop-Wunderkind, ja fast ein Fabelwesen ist – aber auch in erschreckend tiefe psychische Abgründe blickt, wenn man ihren Texten glauben kann.

Erschreckende Intensität

Da geht es an vielen Stellen mit erschreckender Intensität um schlaflose Nächte durch massive Alpträume („Ilomilo“), Beerdigungen von Freunden („Bury A Friend“), Verlustängste, die so heftig sind, dass Verlieben unmöglich wird – und den spannendsten Wunsch an einen Lover, den ein Popstar seit Prince in „If I Was Your Girlfriend“ (1987, Wenn ich deine Freundin wäre) gesungen hat: „Wish You Were Gay“ (Ich wünschte, du wärst schwul).

Das mag jetzt wenig einladend klingen, aber es gibt auch sehr muntere, einladende und sogar tanzbare Nummern wie „Bad Guy“ mit seinem eskalierenden Geradeaus-Beat oder „All The Good Girls Go To Hell.“ Das wirklich Besondere dabei: Ganz im Gegensatz zum modernen Radio-Pop ähnelt hier kaum eine Strophe der anderen. Es gibt ständig Tempo-, Stimmungs- und Stilwechsel. Langgezogene Trap-Beats verzerrt sie so massiv, dass auch ordentliche Boxen massiv ins Scheppern geraten – was aber an der Stelle jeweiligen tatsächlich Sinn macht („Xanny“). Auch als Sängerin versucht der Teenager aus Los Angeles, die Hörgewohnheiten massiv zu strapazieren. Wo ihre gefeierte Kurz-LP „Don’t Smile At Me“ noch beinahe durchgängig auf relativ konventionellen Popgesang nah am Allerwelts-R&B setzte, scheint Eilish hier in jedem Song eine andere Rolle zu spielen. Oft haucht und spricht sie mehr, als dass sie singt, dann nähert sie sich manchmal dem Stil einer Melody Gardot. Was großartig ist.

Und fast ein Neuer Musikstil, den man Emo-R&B nennen könnte. Teilweise ähnlich einer Lana del Rey, nur dass deren glamourös morbide Songs im Kopf des Hörers immer irgendwie am Strand spielen. Billie Eilish erzählt virtuos von deutlich düstereren Orten. (Interscope) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★ ★

 

(Musikmythos) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)