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Ganz nah am Meister

Archivartikel

Rock: Posthumes Prince-Sessionalbum klingt auf LP, als säße man neben ihm

Schon digital klingt „Piano & A Microphone“ außergewöhnlich intim. Der Sound der 180-Gramm-Vinyl-Pressung steigert diesen Effekt noch: Vor allem beim Medley auf der A-Seite fühlt sich der Hörer, als würde er dem meisterhaften Multiinstrumentalisten aus Minneapolis beim Klavierspielen und Singen 1983 im Heimstudio über die Schulter schauen können.

Das ist keine ganz große Kunst, wenn nur ein Instrument und die Stimme eines Ausnahmekönners auszutarieren sind. Transparenz und Dynamik der Aufnahme erstaunen trotzdem. Vor allem, wenn man den muffigen Sound der nichtautorisierten Veröffentlichungen dieser Heimstudiosession kennt – und weiß, dass die Vorlage für die posthume Platte lediglich auf Kassette vorgelegen haben soll.

Dem Anlass angemessen (es ist die erste Veröffentlichung von neuem Material nach dem überraschenden Tod des 57-Jährigen im April 2016) ist das Album in Schwarzweiß gehalten. Es gibt eine bedruckte Innenhülle mit Titeln, Produktionsdetails und einem großen Porträtbild. Die LP steckt allerdings in einer zweiten, zum Schutz des Vinyls gefütterten Tasche. Schön wäre es gewesen, die teilweise variierten Texte früher Versionen von „Purple Rain“, „Strange Relationship“, „17 Days“ oder Joni Mitchells „A Case Of You“ abgedruckt zu sehen. Aber dafür improvisiert Prince hier zu viel, und singt in unveröffentlichten Nummern wie dem funkigen Blues „Cold Coffee & Cocaine“ auch mal nur sinnlose Silben. Die schwer groovende 5:14-Minuten-Nummer bildet mit der sechseinhalbminütigen Ballade „Why The Butterflies“ die B-Seite.

Das Filetstück für Fans brutzelt auf Seite A: ein sechsteiliges, übergangsloses Medley mit dem soulig umarrangierten Spiritual „Mary Don’t You Weep“ im Zentrum und dem bis dato unbekannten „Wednesday“ zum Schluss. Hier zeigt Prince seine erdige Seite – zu einer Zeit, als sich sein Brückenschlag zum Rock auf dem Album „1999“ (1982) noch von quietschigen Synthesizern überdeckt wurde. Ein Hörerlebnis! (Warner) jpk