Neue Alben

Gebrauchsanleitung für den Wahnsinn

Folkrock: Frank Turner kehrt mit seinem siebten Album „Be More Kind“ zum politischen Song zurück

Mit viel Fleiß und großartigen Hymnen wie „I Still Believe“ (2012) hat sich Frank Turner seit 2007 systematisch hochgespielt – egal ob 2013 als Aufwärmer für 2000 Fans der Dropkick Murphys im Mannheimer Maimarktclub oder ein halbes Jahr später nebenan beim Open Air vor 40 000 Tote-Hosen-Fans. Platz sieben in den deutschen Albumcharts für „Positive Songs for Negative People“ (2015) wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Zumal der in Bahrain geborene Engländer jetzt quasi die Platte der Stunde veröffentlicht: „Be More Kind“ ist eine Art Gebrauchsanleitung, um mit dem wachsenden Wahnsinn in der Welt umzugehen. Also den Folgen von Trumps Wahl zum US-Präsidenten, Brexit, Populismus, Rassismus oder Antisemitismus. Das ist erstaunlich, weil der im Sinne von John Stuart Mill oder Adam Smith urliberale Turner seit 2012 keine neuen politischen Songs mehr geschrieben hat – nachdem massive Kritik an der britischen Linken ihm Hunderte von Morddrohungen eingebracht hatte.

Nun sprudeln die Parolen des Humanismus aus dem 36-Jährigen regelrecht heraus: Wobei die erste Nummer „Don‘t Worry“ (Mach Dir keine Sorgen) noch recht brav und ruhig daherkommt. Aber schon in „1933“ reanimiert der einstige Eton-Student die Wut seiner Punk-Vergangenheit und zieht knallharte Parallelen zum Beginn der Nazi-Zeit: „The first time it was a tragedy / The second time is a farce / Outside it’s 1933“ (Das erste Mal war es eine Tragödie / Das zweite Mal ist eine Farce / Draußen ist es 1933). Turner warnt zwar vor den Vereinfachungen des Populismus, bietet aber selbst ganz schlichte Rezepte an: „Little Changes“ (kleine Veränderungen), „Be More Kind“ (Sei freundlicher) oder „Get It Right“ (Lasst es uns richtig machen). Dass der Atheist unverhohlen an christliche Nächstenliebe, Empathie und gesunden Menschenverstand appelliert, beeindruckt mit jedem Hören mehr. Zumal Turner das Tempo niedrig und die Songs zugänglich bis hitverdächtig hält. Dabei sorgt er mit elektronischen und klassischen Elementen für Abwechslung, so dass man seine positive Botschaft gern immer wieder auflegt. (Polydor) jpk