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Archivartikel

Jazz/POp: US-Saxofonist Kamasi Washington legt mit „Heaven & Earth“ ein zweites Monumentalwerk vor

Der Mann mag’s monumental: Auf zweieinhalb Stunden Länge hat Kamasi Washington sein neues Werk, die Doppel-CD (wahlweise auch Vierfach-LP) „Heaven & Earth“, angelegt. Streicher, Chöre und Trommler sorgen wie schon beim hochgelobten Vorgänger „The Epic“ (2015) für einen Breitwand-Sound. Und auf dem Cover sieht man den „Jazz-Propheten“ („Der Spiegel“) gar auf dem Wasser wandeln.

Lässt man die Kirche im Dorf, dann besticht Washington auf „Heaven & Earth“ durch die Hemmungslosigkeit seiner musikalischen Vision, die Genres und Stile vereint: Jazz, genauer gesagt Hardbop und Modal Jazz der 1960er, Fusion, Gospel, aktuellen R & B und Funk, Latin-Rhythmen, Filmsoundtrack-Opulenz und Chormusik. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Washington ist alles andere als ein Innovator, sein Saxofonspiel schöpft aus dem Fundus von John Coltrane, Pharoah Sanders und Joe Henderson. Aber als Solist brilliert er mit hymnischer Kraft und rhythmischer Finesse, die Stücke wie die mitreißende Filmmusik aus dem Bruce-Lee-Streifen „Fists Of Fury“ oder die metrisch vertrackte Hardbop-Hommage „Will You Sing“ regelrecht befeuert. Und die mit Vocoder-Effekten gesungene Ballade „Vi Lua Vi Soul“ treibt sein Saxofon furios in ekstatische Höhen. Wobei aber ein Hang zu mechanischen Tempoläufen sein Spiel etwas trübt.

Schlimmer sind Kitscheetexte über Friede, Freude, Eierkuchen („Journey“) und Washingtons Vorliebe für pathetischen Streicherschwulst. Der katapultiert etwa „The Space Travellers Lullaby“ in süßliche Edelkitsch-Sphären.

Trotz alledem unterhält Washington über weite Strecken prächtig; nicht zuletzt, weil er eine Riege toller Solisten ins Rampenlicht rückt. Allen voran Ryan Porter (Posaune), der mal agil und quicksilbrig, dann wieder romantisch verträumt Glanzlichter setzt. Oder der Pianist Cameron Graves, der mit perkussiver Härte und entfesselter Spielfreude loslegt. Aber 70 Minuten Spielzeit hätten’s auch getan (Young Turks/Xl/Beggars /Indigo).

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ (Muntermacher) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)