Neue Alben

Angehört

Golden Gate statt Tower Bridge

Alternative: Gorillaz bieten auf ihrem Studioalbum „The Now Now“ große Abwechslung – und jede Menge guter Songs

Von wegen virtuell! Gleich im ersten Song des neuen Albums der Gorillaz spielen immerhin drei Musiker aus Fleisch und Blut mehr oder weniger elektr(on)ische Instrumente und drehen noch mal acht Leute aus Fleisch und Blut an irgendwelchen Reglern. Musik ist halt immer noch Handwerk. Und in „Humility“, das von einer wie auch immer gearteten Isolation handelt, die Sänger Damon Albarn beenden will, weil er sich vorkommt wie ein einsamer Zwilling oder eine linke Hand, in „Humility“ schrubbelt sogar der gute alte George Benson wie gewohnt gekonnt an seiner halbakustischen Jazzklampfe funky Rhythmen.

Was dabei rauskommt? Eindeutig ein cooler Funksong im 80-BPM-Tempo, dem die Sonne aus dem Hintern zu scheinen scheint. Kalifornien statt regnerisches London, Golden Gate statt Tower Bridge, Strand statt Westminster.

Aber: Es gehört zu den großen Qualitäten des neuen Album „The Now Now“, dass jeder Titel vollkommen anders ist. Denn schon „Tranz“, von Albarn und John Ford im Alleingang aufgenommen, klingt wieder eher nach britischem Electropop mit einem Wink in die 1980er. Dann kommt etwas Lustiges: In „Hollywood“ trifft über einem recht stampfenden Discobeat der etwas bemühte und nach Falco klingende Rapversuch von Albarn auf den butterweichen Refraingesang Jamie Principies und – das eigentlich Coole an der Nummer – auf Snoop Dogg, der über dem reinen E-Sound wieder ganz anders klingt. Immer wieder überrascht die Scheibe – selbst nach mehrmaligem Anhören. „Sorcerez“ hat Anklänge an Arcade Fire, „Idaho“ etwas von einem Cowboy-Lied und „Souk Eye“ einen Hauch Südsee.

Ist das ein stilistischer Mischmasch? Egal! Das Songwriting ist exzellent, die klanglichen, melodischen und harmonischen Mittel schleifen sich nicht ab, so dass man beim Hören immer anwesend ist und – ja – nicht einmal weghören kann, weil immer wieder Dinge aufscheinen, die Beachtung verdienen. Ein Album, entspannt, cool, retro – und voller Liebe (auch zum Detail). (Parlophone)

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★ (Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)