Neue Alben

Hochgradig inspirierte Rock-Ikone

Archivartikel

Vinyl-Kritik: Mit dem Quartett des Weltklasse-Organisten Joey DeFrancesco gelingt Van Morrison ein exzellentes Jazzalbum

An die Veröffentlichungswut von Neil Young kommt er noch nicht ganz heran. Aber drei neue Platten seit September 2017 sind für den medial zurückhaltenden Van Morrison schon eine wahre Flut, beispiellos in seiner über 50 Jahre andauernden Solokarriere. Ähnlich wie Bob Dylan widmet sich der Nordire dabei im großen Stil Soul-, Blues- oder Jazz-Standards aus dem Great American Songbook. Aber der dritte Streich nach „Roll With The Punches“ und „Versatile“ ist etwas ganz Besonderes: Morrison bettet hier Stimme, sein unterschätztes Saxofon- und das Harmonika-Spiel total in den Sound einer anderen Band ein.

Gitarrist Dan Wilson, Schlagzeuger Michael Ode und Saxofonist Troy Roberts gehören zu Joey DeFrancesco. Der 47-jährige Amerikaner ist ein Top-Jazztrompeter. Und vor allem ein weltweit gefeiertes Phänomen auf der Hammond Orgel, das seinem Idol Jimmy Smith kaum nachsteht. Nicht, dass der 72-jährige Van Morrison einen Jungbrunnen nötig hätte. Aber in der gerade mal zweitägigen Session mit diesem Quartett für „You’re Driving Me Crazy“ klingt er jedenfalls wie entfesselt. Und zugleich beseelt. Denn über einem meist federleichten Groove befeuert DeFrancescos Orgel den Sound und die Gesangslegende mal, an anderer Stelle flankiert er die Songs mit großer Einfühlsamkeit. Morrison scattet dazu, improvisiert – kurz: Er präsentiert hochgradig inspiriert das komplette Spektrum seiner variablen Phrasierungskunst, die ihm seit Jahrzehnten den Status einer Rock-Ikone sichert. An einer Stelle muss der Altmeister vor Spielfreude sogar lachen (wer seine Konzerte kennt, weiß, dass man das als Publikum kaum einmal erlebt).

Kein Wunder, dass sich dieses Mal sieben Eigenkompositionen unter die 15 Songs der hochdynamisch und differenziert produzierten Doppel-LP mischen. Darunter eine sensationelle Uptempo-Swing-Fassung der Jahrhundertballade „Have I Told You Lately“, aber auch neurere Nummern wie „Close Enough For Jazz“ oder „Goldfish Bowl“. Die Vinyl-Ausgabe (inklusive Download-Code) empfiehlt sich auch wegen des witzigen Covers, auch wenn die Texte leider fehlen. (Legacy) jpk

Unsere Note: MUSIKMYTHOS ★ ★ ★ ★ ★ ★