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Krawallige Experimentierwut

Archivartikel

Vinyl-Kritik: Jack White zelebriert auf „Boarding House Reach“ die Lust an harten Kontrasten und bizarren Sounds

Nicht zuletzt dank seiner unbändigen Experimentierfreude ist der frühere White-Stripes-Kopf Jack White schon mit 42 Jahren auf dem Weg zur unumstrittenen Rock-Legende. Auf seinem dritten Soloalbum „Boarding House Reach“ artet das in Experimentierwut aus: Der Sänger, Gitarrist und Multiinstrumentalist tut so ziemlich alles, um das lähmende Etikett als Vintage-Bluesrock-Superstar abzustreifen.

Ein Puristenschreck

Das Harmloseste sind noch die knallharten Kontraste zwischen den Songs – schnell/langsam, superschräg/konventionell, Country/Funk – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Eingefahrene Puristen unter seinen Fans will er ganz offensichtlich mit teilweise bizarren Rap-, Electro- und völlig unerwarteten Space-Funk-Einsprengseln („Get In The Mind Shaft“) verschrecken.

Wobei: Wen das verstört, der kennt vermutlich Whites Beitrag zum Klassik/Rap-Crossover von Mozarts „Leck mich am Arsch“ (2011) mit der Insane-Clown-Posse nicht. Oder den Spaghetti-Western-Exkurs an der Seite von Produzentenstar Danger Mouse sowie Filmkomponist Daniele Luppi namens „Rome“ (2011) und die trashig scheppernde Produktion „A Letter Home“ (2014) mit Neil Young.

Vor allem gegen Letztgenanntes klingen die 13 neuen Songs speziell in der grafisch kühl gestalteten, aber gut gepressten Vinyl-Ausgabe wie eine Offenbarung. Was sich auch dem Master-Papst Bob Ludwig verdankt, der von der schockierend schlichten Country-Ballade („What’s Done Is Done“) bis zum Prince-trifft-Zappa-bei-Dr.John-Spektakel „Hypermisophoniac“ oder „Ice Station Zebra“ alles in Form hält.

Und so macht das zuerst übermäßig heterogen wirkende Werk mit jedem Hördurchgang mehr Sinn – und Spaß. Denn auch wenn White, verantwortlich für Gesang, Gitarre, Orgel, Synthesizer, Schlagzeugparts und die Produktion, merklich auf Krawall gebürstet ist, bleibt er doch Virtuose. Und so fügt sich letztlich alles zu einem inspirierenden Gesamtkunstwerk, in das sich sogar das Gospel-Trio The McCray Sisters einfügt. (Third Man/XL Recordings) jpk

Unsere Note: 5 Sterne von 6 Sternen (Megamäßig)

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)