Neue Alben

Jazz: Saxofonist Wayne Shorter präsentiert mit „Emanon“, einem Dreifachalbum samt Buch, sein Meisterwerk

Krönung einer 60-jährigen Karriere

Es gibt Jazzmusiker, die preschen durch ihre Improvisationen, als säßen sie in einem Ferrari. Nicht so Wayne Shorter: Der 85-jährige Saxofonist und Kinofan liebt dramatische Auftritte. Er schleicht sich schon mal mit hauchigen Pastelltönen in seine Soli wie eine Filmfigur, die allmählich aus dem Schatten auftaucht. Oder platzt urplötzlich mit strahlender Kraft in das Geschehen, als habe ein jäher Filmschnitt ihn blitzschnell grell erleuchtet.

Beides gibt es zu erleben auf Shorters grandiosem neuen Dreifachalbum „Emanon“: Eine CD/LP hat er mit seinem Quartett und dem Orpheus Chamber Orchestra eingespielt. Die beiden anderen Scheiben dokumentieren ein Konzert von Shorter mit Danilo Perez (Piano), John Pattitucci (Bass) und Brian Blade (Schlagzeug), die unter anderem drei der vier Orchesterstücke aufregend umgestalten.

Die Musik des Altmeisters ist radikal. Es gibt keine feste Thema-Solo-Thema-Struktur und keine Hierarchien. Niemand spielt sich als Band-Chef auf, jeder kann mitreden. Es ist ein ständiges Diskutieren und Aufeinander-Reagieren. Motive werden von einem der Vier spontan eingeworfen, dann in kollektivem Ideenaustausch weiterentwickelt: beantwortet, kommentiert, in Frage gestellt. Das kann auch mal daneben gehen wie 2009 bei einem Enjoy-Jazz-Auftritt in Heidelberg. „Emanon“ dagegen ist das strahlende Manifest von Ideenkraft und Freiheitsgeist.

Erregende Momente

Die Orchesterstücke, die an spätromantisch angehauchte Filmsoundtracks von John Williams oder an Aaron Copland erinnern, sind naturgemäß stärker strukturiert. Aber die improvisierten Einwürfe des Quartetts (in „Lotus“) oder Shorters expressive Dialoge mit dem Orchester („Pegasus Unbound“) sorgen für erregende Momente.

Der Saxofonist, praktizierender Buddhist, stellt sich selbstlos in den Dienst der künstlerischen Aussage, ohne sein Ego in den Vordergrund zu rücken. Manchmal setzt er nur ein paar Tupfer – und bringt dadurch auf magische Art die Musik voran. Selbst wenn er nicht spielt, prägt Shorters Aura das Geschehen. Umso mitreißender sind die Phasen, in denen er die Initiative an sich reißt und seine Ausdruckskraft zwei, drei Minuten lang förmlich explodieren lässt. So setzt er in der Live-Version von „Prometheus Unbound“ einen furiosen Schlussakzent des Albums.

Veredelt wird „Emanon“ durch einen Comicroman von Randy DuBurke. Er erzählt Shorters Fantasy-Geschichte von einem Helden der die Menschen befreit, indem er ihnen die Einsicht vermittelt, dass jeder die Freiheit in sich trägt. Ohne Frage: das Album des Jahres. (Blue Note)

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★ ★ (Musikmythos) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)