Neue Alben

Meisterstück mit heißen Eisen

Archivartikel

Pop/Hip-Hop: Alligatoahs fünftes Studioalbum „Schlaftabletten, Rotwein V“ rockt auf allen Ebenen

„Mein Album steht im Laden unter ,Scherzartikel’“ – diese Zeile aus dem Albumopener „Alli Alligatoah“ bringt die Arbeit von Lukas Strobel alias Alligatoah immer noch auf den Punkt. Seine Inhalte und gern mal bitterbösen Wortspiele treiben auf der fünften Soloplatte weiterhin mit teilweise todernsten, hochaufgeladenen Themen Schabernack – aber vielleicht sind sarkastische Abrechnungen wie „Hass“, das wie ein possierlicher Tierfilm inszenierte „Füttern verboten“ zur Flüchtlingsthematik oder „Terrorangst“ die richtige Radikalkur für überaufgeregte Zeiten. Schließlich stehen sie offensichtlich in Harald-Schmidt-Tradition.

Etwas mildere Texte wie „I Need A Face“, das brillante „Meinungsfrei“ („Deshalb stell’ ich mich für Meinungsfreiheit auf die Straße / Brülle wie ein Hulk-Verschnitt: ,Ich enthalte mich!’ /Radikalisiert in einem Kompromisten-Camp / Ich bin so hart in der Mitte, ich trage XXM“) oder „Meine Hoe“ zeigen den inzwischen mit Gold und Silber hochdekorierten singenden und Rapper als brillanten Satiriker, der in jede Topkabarettsendung gehört; nicht nur auf riesige Festivals und in immer größere Hallen. In „Meine Hoe“ gelingt ihm tatsächlich das Kunststück, gleichzeitig nach Feminismus, Chauvinismus und Aggro-Rap zu klingen.

Es gibt – quasi zum Durchatmen – relativ harmlose Blödelsongs wie „Ein Problem mit Alkohol“, der verspielte Ohrwurm „Beinebrechen“ (mit Kraftklub-Sänger Felix Brummer), das hörspielartige „Die grüne Regenrinne I“ (mit Martin Semmelrogge), „So gut wie neu“ oder „Wo kann man das kaufen“. Unterhaltsam ist das alles, und man entdeckt immer wieder neue Wortwitze.

Denn mitunter rappt der 28-Jährige radikal rasant. Auch musikalisch liefert der Meister der heißen Eisen hier großes Kino: abwechslungsreiche Beats, Jazz-Elemente, spanische Gitarren, Calimba- oder Klarinettentöne,verschienste Chöre, Metal-Wucht oder zappaeske System-Of-A-Down-Gesangskapriolen – was für eine Wundertüte. „Schlaftabletten, Rotwein V“ markiert einen Quantensprung gegenüber den vier gleichnamigen Mixtapes (2006 bis 2011). (Trailerpark) jpk