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Mitten im Kosmos eines Genies

Archivartikel

Jazz: Mit „La Fenice“ erscheint Keith Jarretts großartiges Konzert aus dem berühmten Opernhaus in Venedig

Was soll man sagen! Musikuniversum? Grenzen sprengendes Kompendium? Kosmos eines Genies? Alles zusammen. Doch eigentlich waren Solokonzerte von Keith Jarrett nie etwas Anderes. Zumindest fast immer – spätestens aber sicherlich, seit er 1975 seinen legendären Hit „The Köln Concert“ spielte und auf Manfred Eichers Label ECM veröffentlichte.

Nun ist, mit zwölf Jahren Verspätung, ein weiteres Doppelsoloalbum zu haben: „La Fenice“, das Jarretts Konzert von 2006 im berühmtesten und größten Opernhaus von Venedig dokumentiert. Das prächtige Teatro La Fenice wurde, nach einem Brand 1996, ja erst zwei Jahre zuvor wiedereröffnet. Ein goldverzierter Prachtbau mit Logen und vier Emporenetagen, in dem sich die aus afro-amerikanischen Wurzeln entstandene Musikausdrucksform Jazz zunächst sicherlich eigenartig anfühlt.

Doch mit seinen zwölf Stücken ist „La Fenice“ nicht weniger als großartig. In seiner Ausdrucksvielfalt. Die Vitalität betreffend. Und auch, was die enzyklopädische Stilbreite zwischen der komponierten ernsten Musik des 20. Jahrhunderts, dem Jazz und seinen Ursprüngen im Blues angeht. Setzt man „Part I“ oder „Part II“ gegen „Part VIII“, so gleicht der Versuch, das alles einem Musiker zuzuschreiben, fast an Schizophrenie. In „Part VIII“ spielt Jarrett tatsächlich einen ganz normalen Blues aus drei Akkorden, zu Beginn der Platte aber lässt er ein Kaleidoskop modernistischer Klänge und Strukturen aufblitzen, das die Grenzen der Tonalität über bitonale Sequenzen bis hin zum Atonalen aufsprengt. Als sei nichts gewesen. Beeindruckend ist auch immer wieder Jarretts Gabe, polyphone Gewebe in einen von einem groovigen Sog nach vorn ziehenden Strom zu stricken. Und obwohl die stilistischen Kontraste mitunter sehr groß sind, hat der Mann auch noch das Gefühl für den richtigen Übergang.

„La Fenice“ hält also für anspruchsvolle Hörer ebenso Stoff bereit wie für diejenigen, die „schönen“, harmonischen Jazz und sogar ein paar Standards hören möchten – gespielt vom letzten Genie des Planeten. Great! (ECM) dms

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 (Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)