Neue Alben

Offensiver, aber nicht flacher

Vinyl-Kritik: Mines viertes Album „Klebstoff“ begeistert etwas langsamer als seine Vorgänger – aber gewaltig

Nach der Verbaleinlage „Zukunfts-Ich“ als Intro traut man erstmal seinen Ohren nicht: Ist die Sängerin der beschwingten, massiv ins Ohr drängenden Popnummer „90 Grad“ wirklich Mine? Doch die Stimme ist unverkennbar und die (hier nur kleinen) stilistischen Hakenschläge beseitigen alle Zweifel.

Auch die fröhlichen Flötentöne zu Beginn von „Spiegelbild“ und die Autotune-verzerrte Stimme des Gastrappers AB Syndrom irritieren zunächst, aber der abgeklärte Gesang und der Selbstfindungstext machen klar: Auf ihrem vierten Studioalbum „Klebstoff“ spielt die 33-Jährige weiter mit den Hörgewohnheiten ihrer wachsenden Hörergemeinde, die sie zuvor auf drei herausragenden Platten mit ungewöhnlichen Stil-Mixen aus Indie-Pop, Klassik und Hip-Hop herausgefordert und erweitert hat.

Nach diesem ungewohnten Auftakt ist Mine wieder ganz bei sich, so extrem und deutlich wie nie: „Klebstoff“ reflektiert den Tod ihrer Mutter, das getragene „Vater“ die Einflüsse des anderen Elternteils. Das geht textlich so schonungslos, aber immer noch poetisch ans Eingemachte, dass man die hintersinnig-amüsanten Wortspiele früherer Platten nicht unbedingt vermisst.

Auch wenn die Platte generell viel offensiver klingt, muss man auf Tiefgang nicht verzichten – zumal sich der zunächst etwas glatte Eindruck spätestens dann verflüchtigt, wenn man die elf neuen Songs auf Vinyl anhört. Dann schallt zum Beispiel die flächige Mehrstimmigkeit in „Einfach so“, einem Duett mit Giulia Becker in gewohnter Großartigkeit aus den Boxen. Auch das von Streichern gerockte „Guter Gegner“ (mit dem Electropop-Trio Großstadtgeflüster) klingt auf der 180-Gramm-Pressung dann nicht mehr nach den Peter-Fox-Produzenten The Krauts.

Da verzeiht man auch die vergleichsweise schlichten Beats unter der Latin-Percussion „SW“ mit seinem geslappten Funk-Bass. Selbst solche im Prinzip überkandidelten Elemente hält der meist kühl gehaltene Gesang am Boden. Am deutlichsten im Schlusssong „Schwer bekömmlich“ mit der Gästeparade Haller, Bartek und Dissy. (Caroline) jpk