Neue Alben

Rückwärtsgewandt, aber klar wie selten

Rock: Nach fast zehn Jahren Albumpause überrascht Rammsteins siebte Studioplatte musikalisch und inhaltlich

Wer politisch hyperkorrekt ist, hat das Schlimmste schon hinter sich: Dass der Vorabschnipsel zum monumental überdrehten Rammstein-Video „Deutschland“ zu Provokations- und Werbezwecken ausgerechnet eine Szene mit KZ-Anmutung in den Mittelpunkt rückte, war kalkuliert geschmacklos. Die Rechnung ging aber auf: ein enormer Aufschrei, der bei Ansicht des kompletten Videos weitgehend verstummt, fast 50 Millionen YouTube-Klicks seit Ende März und die zweite Nummer-eins-Single in 25 Jahren.

Dabei hätte es nach neuneinhalb Jahren Albumpause wohl schon gereicht, dass von Rammstein überhaupt etwas Neues erscheint. Die – wie immer – elf Songs reichen zwar im Schnitt nicht an die Qualität ihrer Vorgänger auf „Liebe ist für alle da“ heran, sind aber immerhin deutlich origineller als der avisierte Albumtitel „Rammstein“. Die Ost-Berliner klangen schon wuchtiger und martialischer, der Industrial-Faktor fehlt auf ihrer siebten, in Frankreich mit Live-Mixer Olsen Involtini aufgenommenen Platte fast vollständig. Dafür verwirklicht sich Keyboarder Flake mit spannenden synthetischen Huldigungen an Kraftwerk („Radio“) und Anverwandte über Vulgär-Techno („Ausländer“) bis hin zu organischen Krautrock-Orgeln („Weit weg“). Tatsächlich gibt es statt zackigen Doppelgitarrenbreitseiten ab und an mal Töne weit unterhalb der Metal-Härte („Sex“, „Was ich liebe“), ohne dass es gleich eine Zarah-Leander-artige Ballade setzt.

Musikalisch klingt das oft rückwärtsgewandt, inhaltlich gibt es Neuerungen: Wo Sänger und Texter Till Lindemann früher stets lustvoll im Unklaren fischte, zeigt „Deutschland“ eine deutliche Haltung gegen rechte Vereinnahmung, die bisher nur in „Links 2 3 4“ (2001) auftaucht. Selbst die kryptische Multikulti-Gigolo-Nummer „Ausländer“ hat einen ironischen Dreh – wer zu Rammsteins Open-Airs geht, wird die Zeile „Ich bin Ausländer“ schmettern müssen. Außerdem nimmt Lindemann in „Puppe“ die Perspektive eines Opfers ein, statt Gewalt- und Missbrauchsszenarien wie so oft mit den Augen des „Totmachers“ zu schildern. (Rammstein) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★

 

(Muntermacher) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)