Neue Alben

Souverän den Druck umspielt

Archivartikel

Pop: Joris’ zweites Album „Schrei es raus“ verwandelt die Erwartungshaltung in große musikalische Qualität

Mit dem Radio-Dauerbrenner „Herz über Kopf“ und dem Erfolgsalbum „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ hat der Wahl-Mannheimer Joris seit 2015 die Latte nicht nur kommerziell auf Rekordniveau gelegt. Tatsächlich gibt es im Deutschpop wenig Debütalben, die musikalisch so ausgefeilt, authentisch und emotional tiefschürfend daherkamen. Dreieinhalb Jahre und 300 Konzerte später hört man dem Nachfolger „Schrei es raus“ den unvermeidlichen Druck kaum an. Das mag daran liegen, dass der 28-Jährige als geborener Niedersachse, gelernter Ostwestfale und Veteran des Nachtlebens im Mannheimer Stadtteil Jungbusch seine Lektionen in Bodenständigkeit gelernt hat.

Aber die beeindruckende Souveränität der 13 neuen Songs resultiert vor allem daraus, dass Joris wohl intuitiv weiß, was er tut. Kein Wunder, denn der vielseitige Sänger hat sich schon als Kind die Grundbegriffe an Schlagzeug, Klavier und Gitarre selbst beigebracht. Und seine Fähigkeiten im Spiel der Kreativkräfte an der Mannheimer Popakademie ausgefeilt.

Organisch produziert

Deshalb hat „Schrei es raus“ wenig von den „verflixten zweiten Platten“ nach einem Megaerfolgsdebüt und hebt sich auch massiv vom inflationär gewordenen Angebot von Deutschpop-Sensibelchen ab. Deren Produzenten setzen oft auf schnelle, starke Reize mit Effektgewittern und Ranschmeißer-Refrains. Joris dagegen arbeitet meist mit verflochteneren Songstrukturen und organisch eingespielten Sounds, wie sie bei den frühen Coldplay oder den mittleren U2 zu finden sind. Nur nicht mehr ganz so eingängig wie bei „Herz über Kopf“. Dafür aber noch professioneller und etwas experimentierfreudiger.

Wobei Nummern wie das stark an Caspers „Hinterland“-Phase erinnernde „Kommt schon gut“, das im Stil von Annenmaykantereit schaukelnde „Du“, das streicherumflorte „Das sind wir“ oder „Gegenwind“ auf eine sehr abwechslungsreiche Art mitreißen und ins Ohr gehen. Das in jeder Hinsicht zentrale Werk „Glück auf“ wächst aus einem minimalistischen Anfang zu einem von Jules Kalmbacher und Jens Schneider dezent, aber episch inszenierten Klanggemälde – das bisherige Meisterstück aus der Joris-Werkstatt. Natürlich gibt es gefühlvoll-poetische Balladen, aber auch ansatzweise politische Zeilen. Mehr kann man kaum erwarten bei so hohen Erwartungen. (Four Music)

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★ (Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)