Neue Alben

Tanzbarer Polittheaterabend

Indie-Pop: Die Goldenen Zitronen stellen Fragen

Die Goldenen Zitronen leben seit Jahrzehnten mit einem Dilemma: Die Gralshüter des links-alternativen Diskurspop machen alle zwei bis fünf Jahre starke Platten mit klugen Texten zur Lage der Nation. Nur würde der rhetorische Gegner, heutzutage also Pegida-Marschierer, Rechtsaußenflügel der AfD und Neonazis, wohl eher eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen, als eine Platte wie „More Than A Feeling“ anzuhören. Dabei wäre man gespannt, was dieses Lager auf die Fragen zu antworten hat, die von den Hamburgern in Liedern wie „Mauer bauen (testweise)“ gestellt werden: „Was meinen sie mit Volk ... Was meinen sie damit, dass sie das Volk sind“? Raffiniert klingt dabei der Vorschlag durch, sich selbst mal einzumauern, um ungestört von falschen Nasen, Autos, Musik- oder Fleischsorten zu leben.

Der Albumtitel „More Than A Feeling“ hat nichts mit der Schmalzballade von Boston zu tun, sondern betont, dass es um mehr gehen muss als (Bedrohtheits)Gefühle („Katakomben“) – Fakten zum Beispiel. Und es gibt auch mehr als ein Gefühl. Zum Beispiel das der schwarzen Aktivistin LaToya Manly-Spain, die in „Es nervt“ dem degradierenden Sprachgebrauch der Wohlmeinenden die Leviten liest.

Erstaunlich differenziert

Sogar dem Fiasko des Hamburger G20-Gipfels 2017 nähern sich die Ex-Punker erstaunlich differenziert. Dass Sänger Schorsch Kamerun aus den elf Nummern auch einen Theaterabend hätte machen können, ist klar. Da wäre sogar eher mehr Reichweite drin gewesen. Dabei gelingt den Zitronen hier ihre relevanteste Platte seit „Das bißchen Totschlag“ (1994). Mit zwingendem, düster-aufwühlendem Electropop, der im Extremfall sogar tanzbar sein könnte („20x20“). (Buback) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)