Neue Alben

Zeitreise durch eine Weltkarriere

Vinyl-Kritik: Paul McCartneys 18. Solo-Studioalbum „Egypt Station“ ist auf Vinyl ein echtes Gesamtkunstwerk

Für große Beatles- und Paul-McCartney-Fans ist der Kauf von „Egypt Station“ Pflicht. Aber auch darüber hinaus lohnt sich die Anschaffung von „Maccas“ 18. Solostudioalbum in der limitierten Vinyl-Edition. Allein schon deshalb, weil die Doppel-LP ein liebevoll gestaltetes Gesamtkunstwerk und damit ein echtes Sammlerstück darstellt.

Wie ein Triptychon

Der Titel bezieht sich auf ein gleichnamiges Gemälde McCartneys aus dem Jahr 1988, auf dem auch das verspielt-bunte Covermotiv basiert. Die Plattenhülle bildet innen und außen eine Art Triptychon mit den gut gepressten LPs in den Außenhüllen und einem ebenfalls sechsseitigen illustrierten Textheft im Mittelteil. Einziger Wermutstropfen: Wer die Platten häufig hört, muss beim Herausfummeln aus den nach innen geöffneten Hüllen schon sehr feinfühlig vorgehen, um die Konstruktion nicht zu beschädigen. Es gibt aber auch einen Download-Code.

Der Konzeptalbumcharakter setzt sich musikalisch fort, auch wenn „Egypt Station“ zwangsläufig nicht der größte Wurf der lebenden Legende aus Liverpool ist. Der 76-Jährige lädt seine Hörer quasi auf eine Zeitreise durch seine gigantische Karriere ein. Startbahnhof ist das 41-sekündige Instrumentalstück „Opening Station“. Es folgen eingängige, schlicht-schöne Nummern wie „I Don’t Know“, „Happy With You“ (mit klassischen Beatles-Harmonien) und der knackig rockende Ohrwurm „Come On To Me“. Der hat seit Juni als Teil von Paul McCartneys Besuch bei James Cordens „Carpool Karaoke“-Show schon mehr als 32 Millionen Youtube-Klicks eingeheimst. Der Mann kann halt immer noch Hits schreiben, auch wenn seine Stimme nicht immer ganz so voll klingt wie auf seiner letzten Deutschland-Tournee.

Das knochentrockene „Who Cares“ (mit dem Refrain: Wen schert’s, was die Idioten sagen?) oder „People Want Peace“ könnte man politisch deuten – oder als moralische Stütze in wirren Zeiten nutzen. Dass „Fuh You“, bei dem Sir Paul dezent das c weglässt, sehr direkt den engstmöglichen Kontakt zu einer Lady sucht, hat ihm schon Schlagzeilen eingebracht. Aber selbst in einem Anmachsong klingt er wie ein Gentleman.

Auf den Seiten C und D wird die Produktion von Greg Kurstin (Adele, Foo Fighters) komplexer. Das zarte „Dominoes“ klingt noch nach den einfachen Songs der späten Beatles. Ansonsten legt McCartney in Nummern wie „Caesar Rock“ auch viel Experimentierfreude an den Tag (bis hin zum Funk) und lässt auch die Opulenz der Wings-Klassiker aufleben. Wer kann, der kann – er kann! (Capitol) 

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ (Muntermacher) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)