1899 Hoffenheim

Porträt Wie der einstige Praktikant Benjamin Glück zum Spielanalysten der TSG 1899 Hoffenheim wurde – und zum engsten und wichtigsten Vertrauten des Star-Trainers

Der Kopf hinter Nagelsmanns Matchplan

Zuzenhausen.Den Anruf, der sein Leben verändern wird, erhält Benjamin Glück, als er gerade seine Weltreise plant. Es ist der Anruf, von dem alle Fußballbegeisterten träumen. Das Examen hat der 26-Jährige seit ein paar Tagen in der Tasche, die Laufbahn als Sport- und Mathe-Lehrer vor Augen, vorher will er sich noch etwas gönnen. Da ruft im Jahr 2012 ein gewisser Alexander Rosen an, seinerzeit Leiter der Nachwuchsakademie der TSG Hoffenheim.

Glück hatte ihn einige Monate zuvor kennengelernt, bei einem Praktikum in der Nachwuchsschmiede, auf die er durch seinen Onkel aufmerksam geworden ist, der in der Region wohnt. Glück räumte die Ballgarage auf, fuhr Nachwuchsspieler zum Schulunterricht, solche Dinge. Und wie so viele Praktikanten hörte er danach den klassischen Satz: Melde dich doch mal, wenn du mit dem Studium fertig bist. Jetzt ist Rosen, später Direktor Profi-Fußball der TSG, tatsächlich am Telefon. Und bietet ihm ein neunmonatiges Praktikum an. Bei den Profis. Bereich Spielanalyse und Scouting.

Neun Stunden Fußball am Tag

„So eine Chance werd’ ich so schnell nicht noch mal kriegen“, denkt sich Glück, der im Trainingszentrum in Zuzenhausen in kurzen Hosen, Badelatschen und T-Shirt von damals erzählt. Also streicht der Bayer, der so ruhig und zurückhaltend wirkt, aber gerne und viel lacht und nie um einen Spruch verlegen ist, Neuseeland, Fidschis und USA von seinem Reiseplan und zieht in den Kraichgau. „Ich dacht’ mir, ich probier’ das jetzt. Ich geb’ mir fünf Jahre Zeit, um Richtung Bundesliga zu kommen. Und wenn es nicht klappt, geh’ ich ins Lehramt.“ Doch es klappt.

Denn in Hoffenheim trifft Glück, der schließlich fest angestellt wird, auf einen anderen Bayern, der als Wunderkind der Nachwuchstrainerszene gilt und ein paar Jahre später diesen Ruf eindrucksvoll bestätigt haben wird: Julian Nagelsmann. Glück gewinnt im ersten Jahr mit ihm nicht nur die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft, sondern wird auch sein engster und wichtigster Vertrauter. Mit dem er nun die unglaubliche Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre fortsetzen und heute beim letzten Spiel der Saison in Mainz doch noch den Einzug in die Europa League schaffen will.

„Benji ist einer der herzlichsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengerlernt habe“, sagt Nagelsmann. „Er ist mein bester Kumpel geworden, meine größte Vertrauensperson in allen Bereichen des Lebens.“ Das gilt neben, aber auch auf dem Platz, wo der Chef die Fähigkeiten seines Analysten zu schätzen weiß: „Er hat einen sehr guten Blick, weiß, was ich sehen will, um mich auf ein Spiel vorzubereiten.“ Und wenn das passe, „hat ein Analyst immer einen großen Anteil am Erfolg“.

Spielanalyse, das bedeutet in erster Linie Fußball schauen, bis zu neun Stunden am Tag, sechsmal die Woche. „Es geht darum, den Gegner zu zerlegen in seine Stärken und Schwächen“, erklärt Glück, so entspannt und locker, als würde er nicht von Manchester City oder Liverpool reden, sondern von Fortuna Heddesheim. Dafür bekommt er die Bilder einer Spezialkamera auf seinen Computer, auf denen er von oben ständig alle 20 Feldspieler sieht. Mit welcher Grundordnung spielt der Gegner? Wo versucht er, den Ball zu gewinnen? Wie baut er die Angriffe auf? Wie reagiert er nach Ballgewinn oder -verlust? Darauf achtet er.

Blitz-Analyse in der Halbzeitpause

Etwa drei bis vier Spiele schauen sich Glück und sein Mitarbeiter vor einer Bundesligapartie an. Ihre Erkenntnisse samt Lösungsmöglichkeiten präsentieren sie dem Trainerteam, das dann einen „Matchplan“ entwickelt, also eine Handlungsanleitung. Während der Begegnung sitzt Glück in einer Kabine unter dem Stadiondach, mit dem Trainerteam über Funk verbunden, und schneidet parallel zum Spiel Szenen heraus, die der Mannschaft in der Pause präsentiert werden. „Wenn man in der Halbzeit sagt, diese Räume sind gut bespielbar, und dann in der zweiten Hälfte über diese Räume ein Tor fällt, freut man sich schon“, sagt Glück.

Nagelsmann und er sind bei der Analyse und der Umsetzung der Erkenntnisse Vorreiter in der Bundesliga. Kaum ein Team hat sich zuletzt auf dem Platz taktisch so flexibel präsentiert wie die TSG. Auch wenn das selbst die eigenen Spieler manchmal überfordert, wie Andrej Kramaric jüngst bemängelte. Trotzdem folgen viele andere Trainer dem Trend, beobachtet Glück: „Es ist nicht mehr so einfach, wie es einmal war, weil alles variabler geworden ist.“

Dennoch werden er und Nagelsmann, dem er zu RB Leipzig folgt, an ihrem Stil festhalten. Schließlich sind da diese Momente, für die sie das alles machen: „Wenn du rausgehst und die Champions-League-Hymne hörst, nicht im Fernsehen, sondern weil deine Mannschaft da unten auf dem Acker steht, das sind schon“ – er macht eine Pause, wahrscheinlich weil es für dieses Gefühl einfach kein Wort gibt – „beeindruckende Momente.“ Nicht nur für den einstigen Praktikanten.