1899 Hoffenheim

Fußball Eine Analyse des Aufschwungs im Kraichgau

Die Gründe für Hoffenheims Höhenflug

Archivartikel

Hoffenheim/Rasgrad.Als der Lufthansa-Airbus A320 gestern um 15.14 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen in Varna gelandet war, stand für den Tross der TSG 1899 Hoffenheim noch die etwa 120 Kilometer lange Busfahrt nach Rasgrad auf dem Programm. Dort, beim amtierenden bulgarischen Meister, bestreitet die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann heute ab 21.05 Uhr deutscher Zeit das erste Europa-League-Auswärtsspiel der Vereinsgeschichte.

Bisher haben die Hoffenheimer alle drei internationalen Pflichtpartien verloren, und auch gestern hatten Nagelsmann & Co. eine große Menge Ungewissheit im Gepäck, flog die TSG doch mit stark dezimiertem Kader (siehe nebenstehenden Bericht) an die Schwarzmeer-Küste Bulgariens. Europäisch ist 1899 noch ein Leichtgewicht. National allerdings beweist der Kraichgau-Club seit ziemlich genau einem Jahr, dass er eine Spitzenmannschaft der Bundesliga geworden ist. Zwölf Monate unter den ersten Sechs - das kann kein Zufall mehr sein. Fünf elementare Gründe sind für diesen anhaltenden Höhenflug ausschlaggebend, der unter anderem zum besten Saisonstart der Vereinsgeschichte führte (14 Punkte und Platz zwei).

Innovation: Seit Peter Görlich in der Geschäftsführung ist, wird das Thema "Innovation" bei der TSG groß geschrieben. Modernste Hilfsmittel, unter anderem eine Videowand auf dem Trainingsgelände, stehen dem Team zur Verfügung. Nagelsmann, der Tüftler, darf sich austoben, ließ beispielsweise Einheiten per Drohne filmen und auswerten. Gerade jetzt, in der Zeit der vielen Spiele, helfen dem Coach bei der Belastungssteuerung seiner Schützlinge eine Unmenge an Daten und Messergebnissen. Selbst die Schlafzeiten der Spieler werden überprüft. Auch deshalb ist die Mannschaft topfit und bestach bisher fast in jeder Begegnung mit herausragenden Laufwerten (zuletzt 118,2 Kilometer gegen Schalke). Die Innovationen werden aber nicht nur bei den Profis eingesetzt, sondern auch in der Nachwuchs-Akademie. Dies ist ein Grund dafür, warum sich 1899 seine Spieler selbst ausbildet. Jüngstes Beispiel: Dennis Geiger.

Kaderzusammenstellung: Sportdirektor Alexander Rosen und Trainer Nagelsmann erwiesen sich bereits zum zweiten Mal in Folge als ausgezeichnete Kaderpuzzler. Dabei gilt die Maxime: Spieler müssen auf mehreren Positionen und in diversen Spielsysteme einsetzbar sein. Drei Beispiele: Kevin Vogt kann Sechser, im Zentrum einer Dreierkette oder Innenverteidiger in der Viererkette spielen. Kerem Demirbay kam in dieser Saison schon als Sechser, Achter und Zehner zum Einsatz. Andrej Kramaric kann als echte Spitze, als hängender Stürmer oder, wie zuletzt gegen Schalke, als Zehner eingesetzt werden. Somit sind Lücken, die durch Verletzungen entstehen, fast ohne Qualitätsverlust zu schließen und die Belastungen jedes einzelnen besser zu steuern. Nagelsmann hat bereits 22 Spieler eingesetzt (Liga-Höchstwert) - ohne Leistungsabfall, wie Platz zwei in der Tabelle belegt.

Mentalität: Bei den Spielen in Leverkusen und in Mainz holte die TSG trotz der andauernden englischen Wochen Rückstände auf. Vogt, Baumann und Rosen wurden auch nach dem schweren Schalke-Spiel nicht müde, die Mentalität der Spieler in den Vordergrund zu rücken. "Jeder hat Bock auf das hier", sagte beispielsweise Keeper Baumann. Derzeit herrscht trotz der häufigen Rotation kein Neid und keine Missgunst unter den Spielern. Verschwiegen werden sollte aber auch nicht, dass Hoffe das eine oder andere Mal auch das Spielglück hold war.

Effektivität: "Wir müssen aus wenigen Chancen mehr Tore machen, weil wir durch die englischen Wochen müder sein werden." Dies war die Vorgabe von Nagelsmann vor der Saison. Gesagt, getan. 30 Chancen hat sich die TSG in der laufenden Saison in sechs Begegnungen erspielt und daraus elf Tore gemacht. Das entspricht einer Effektivität von 36,7 Prozent. Das ist hinter Dortmund der zweitbeste Wert der Liga.

Trainer: Ganz klar, Nagelsmann ist der Vater des Erfolgs und das Gesicht des Vereins. Seit er im Februar 2016 die sportliche Leitung übernahm, ging es mit Hoffenheim stetig bergauf. In gut 20 Monaten seines Wirkens verlor 1899 nur ein Heimspiel (1:4 gegen Schalke im Mai 2016) und ist mittlerweile seit 21 Bundesliga-Begegnungen in der Rhein-Neckar-Arena am Stück unbezwungen.

Zum Thema