1899 Hoffenheim

Fußball TSG 1899 scheidet zum vierten Mal in Folge schon vor dem Achtelfinale des DFB-Pokalwettbewerbs aus

Hoffenheimer Mentalitätsfrage

Archivartikel

Leipzig.Die Begrüßung zwischen Leipzigs Trainer Ralf Rangnick und seinem Nachfolger Julian Nagelsmann war weder heiß und innig, noch kühl – sie war pragmatisch: ein kurzer Handschlag, eine sachte Umarmung, ein smartes Grinsen. Dann gingen die beiden wieder ihrer Wege. „Dass ich einen kurzen Gedanken daran verschwendet habe, ist, denke ich, ganz normal“, antwortete Hoffenheims Trainer Nagelsmann nach dem Spiel auf die Frage, ob er etwas Besonderes empfunden habe vor dem Gastspiel bei seinem künftigen Arbeitgeber. Er fügte aber gleich an: „Ich war heute schon mit Leib und Seele Trainer von Hoffenheim.“

„Mit Leib und Seele“ – das war vielleicht sogar ein versteckter Tadel an seiner Mannschaft, die das DFB-Pokalspiel bei RB Leipzig verdient mit 0:2 verloren hatte und somit das vierte Mal in Folge schon vor dem Achtelfinale ausgeschieden ist (einmal erste, dreimal zweite Runde). Der erst zur Pause eingewechselte Nationalstürmer Timo Werner entschied die Begegnung mit einem raschen Doppelpack nach dem Seitenwechsel (48./56.). „Es kotzt mich an, dass wir im DFB-Pokal nicht so verteidigen“, sagte Kerem Demirbay recht unverblümt, und auch Nagelsmann kritisierte: „Ich hatte auch das Gefühl, dass wir nicht alles in die Waagschale geworfen haben.“

Finstere Mienen

Der Frust saß tief bei den Hoffenheimern. Mit finsteren Mienen schlurften die Spieler in die Kabine; Coach Nagelsmann analysierte angefressen: „Wir haben in der zweiten Halbzeit 20 Minuten lang sehr, sehr schlecht verteidigt und genau die Konterräume preisgegeben wie im Ligaspiel.“ Warum das nach einer taktisch reifen Leistung im ersten Durchgang so kam, konnte keiner der Protagonisten so genau erklären.

Zwar entwickelte die TSG Hoffenheim am Mittwochabend nicht die gewohnte Offensivpower und blieb erstmals nach 15 Pflichtspielen wieder ohne eigenen Treffer (zuletzt beim 0:2 in der vorigen Saison beim VfB Stuttgart), doch die Anfälligkeit für Gegentore bleibt das Hauptproblem des Champions-League-Teilnehmers.

„Wir müssen wieder mehr Wert auf Mentalität, Herz und Aggressivität legen. Fußball spielen können wir“, legte Demirbay den Finger in die Wunde und brachte das aktuelle Hoffenheimer Dilemma auf den Punkt. Die Mannschaft berauscht sich allzu oft an ihren unbestrittenen fußballerischen Fähigkeiten und vergisst dabei die Grundtugenden.

Als Beispiel kann man hier Kevin Vogt nennen. Seit Jahren werden seine Fähigkeiten bei der Spieleröffnung gepriesen. Doch der Kapitän ist eben Abwehrchef, und hier gilt es zunächst einmal, bedingungslos das eigene Tor zu verteidigen. Beim zweiten Gegentreffer sah der 27-Jährige gar nicht gut aus, als er sich von Timo Werner austanzen ließ. Auch Ermin Bicakcic hatte bei der Vorarbeit von Yussuf Poulsen nur unzureichend verteidigt. Mit einem Lob für sein Team legte Leipzigs Trainer Rangnick unfreiwillig den Finger in die Wunde der Hoffenheimer: „Die Mannschaft hat ihren Spaß gefunden, gemeinsam zu verteidigen. Diese Mentalität im Spiel gegen den Ball zeichnet uns aus.“

Zwar führte Demirbay dann noch ins Feld, dass man nun nicht alles in Frage stellen müsse, doch angesichts der immer wiederkehrenden Nachlässigkeiten in der Defensive kann einem vor dem Gastspiel der TSG morgen um 15.30 Uhr bei Bayer Leverkusen schon etwas flau im Magen werden: Bayer hat zuletzt sechs Tore in Bremen und fünf in Mönchengladbach geschossen.

Die TSG Hoffenheim hat mit dem erneut frühen DFB-Pokalaus das erste Saisonziel verspielt, das da hieß, weiterzukommen als in den Vorjahren. Für eine weitere Bestrebung der letzten „Nagelsmann-Spielzeit“, in der Champions League die Gruppenphase zu überstehen, steht am Mittwoch das vorentscheidende Spiel in Lyon an. 1899 steht also schon jetzt in einer vorentscheidenden Phase der Saison, denn auch in der Bundesliga hat man zu viele Punkte leichtsinnig liegen lassen.

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