1899 Hoffenheim

Fußball Die Unaufgeregtheit von Trainer Alfred Schreuder tut den Hoffenheimern gut / Auch das souveräne 2:0 in Duisburg zeigt, dass sich das Team stabilisiert hat

Mit der Ruhe eines Gärtners

Duisburg.Alfred Schreuder hatte seine helle Freude. Und zwar nicht erst am Dienstagabend beim 2:0-Sieg der TSG 1899 Hoffenheim im DFB-Pokal beim Fußball-Drittligisten MSV Duisburg, sondern schon 24 Stunden zuvor. Da verfolgte der Niederländer das Training seiner Mannschaft und sah, wie ein Haufen junger Männer nicht nur mit viel Spaß zu Werke ging, sondern mit Leidenschaft dem Ball nachjagte. Jeder Zweikampf, jeder Abschluss – immer und überall waren alle Hoffenheimer konzentriert, motiviert und couragiert bei der Sache. Ganz so, als ginge es darum, sich für einen Einsatz im Champions-League-Finale zu empfehlen. Dabei hieß der Gegner am nächsten Tag nur Duisburg. Oder anders ausgedrückt: 2. Pokalrunde bei einem Drittligisten an einem Dienstagabend in einer zur Hälfte gefüllten Arena bei sieben Grad – es gibt wahrlich größere Bühnen im Welt-Fußball.

Doch genau hier, im Drittligastadion, vor knapp 15 000 Zuschauern und bei ungemütlichen Temperaturen wollten irgendwie alle dabei sein. „Scharf, heiß und gierig“ sei seine Mannschaft im Training gewesen, berichtete Schreuder, den diese Eindrücke nicht täuschten. Denn auch im Spiel war jeder Hoffenheimer scharf, heiß und gierig darauf, sich scharf, heiß und gierig zu präsentieren, was gewiss auch an der Personalrotation des Trainers lag.

Mit acht Veränderungen in der Startaufstellung im Vergleich zum 3:2-Erfolg in Berlin gingen die Kraichgauer die Begegnung an, niemand im TSG-Kader soll sich eben nach drei Liga-Siegen in Serie seines Platzes zu sicher sein. „Wir sind ein starkes Team. Diesmal standen andere Jungs auf dem Feld, die es verdient hatten, zu spielen. Sie sind ein Teil dieser Gruppe und haben gezeigt, dass wir mehr als elf Stammspieler haben“, stellte Schreuder nach den Toren von Florian Grillitsch (53.) und Sargis Adamyan (59.) fest und kann längst für sich reklamieren, den aufgrund des Umbruchs fast erwartbaren schwierigen Saisonstart gemeistert zu haben. Mittlerweile passt der Ist-Zustand mehr und mehr auch zum Potenzial dieses Teams, das in den ersten Wochen jeden Rückschlag und jeden Tipp des Trainers wie ein Schwamm aufsaugte, um es bloß beim nächsten Mal besser zu machen.

Überzeugt vom eigenen Tun

Schreuder strahlt wiederum die Ruhe eines Gärtners aus, der den Pflanzen mit Freude beim Wachsen zusieht und dabei alles andere als langweilig wirkt, sondern unaufgeregt, gelassen, souverän. Der 46-Jährige ist überzeugt vom eigenen Tun, zu dessen Grundelement bei aller Ruhe vor allem die Kommunikation gehört, auch wenn er sich von Julian Nagelsmann, seinem Vorgänger mit Entertainer-Qualitäten, unterscheidet. Ist genau das jetzt eigentlich gut oder schlecht? Das lässt sich kaum seriös beantworten, allein schon deshalb, weil ein Vergleich wenig Sinn macht. Es reicht ein Blick in den Ruhrpott: Borussia Dortmund ist gefühlt immer noch auf der wehmütigen Suche nach einem Klon von Jürgen Klopp – und findet ihn wenig überraschend nicht.

„Der Trainer redet mit jedem aus dem Team. Egal ob einer spielt oder nicht“, lobte Mittelfeldmann Dennis Geiger den Fußballlehrer Schreuder, der nicht nur von Fortschritten spricht, sondern sie auch erzielt. Die Mannschaft ist gefestigt, kam selbst beim FC Bayern und in Berlin nach den jeweiligen Ausgleichstreffern zurück und entschied die Duelle für sich. Obwohl das Momentum klar für die Gegner sprach, brach das Konstrukt nicht in sich zusammen wie ein angeknackster Liegestuhl. „Wir sind extrem stabil, auch wenn der Gegner mal fünf Minuten den Ball hat“, freute sich Sportdirektor Alexander Rosen über die Wehr- und Standhaftigkeit der Mannschaft, die zu Saisonbeginn mit Joelinton, Kerem Demirbay, Nico Schulz und Nadiem Amiri nicht nur ein paar Spieler verlor. Diese Umschreibung wäre untertrieben – fast so, als würde man behaupten, der Hamburger SV und der VfB Stuttgart hätten in den vergangenen Jahren ein paar Kleinigkeiten falsch gemacht.

Den Hoffenheimern hatte man vor einigen Wochen noch prophezeit, dass sie im schlimmsten Fall möglicherweise auch dorthin driften, wo Schwaben und Hanseaten nun kicken. In der 2. Liga. Zumindest der Abstiegskampf galt als denkbare Variante, im besten Fall war von einer holprigen Runde die Rede. Laut „Bild“ gab es bei den TSG-Verantwortlichen sogar schon einige Zweifel am Trainer.

Doch vor dem Heimspiel am Freitag (20.30 Uhr) gegen den SC Paderborn sind die Perspektiven plötzlich glänzend, mit einem Sieg können die Kraichgauer zumindest vorübergehend auf Rang fünf springen. „Wir sind nicht zufrieden, wir wollen mehr“, kündigte Schreuder forsch an. Er wird am Donnerstag beim Training also wieder genau hinschauen – und vermutlich erneut richtig viel Spaß haben.

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