1899 Hoffenheim

Fußball Nach frustrierenden Wochen nutzt Vincenzo Grifo seine Chance und trumpft bei 1899 Hoffenheim auf

Parat im Kopf

Leverkusen.Ob Vincenzo Grifo seine Siegprämie für den 4:1-Erfolg in Leverkusen vollends behalten darf, ist noch nicht geklärt. Bei seinem Elfmetertreffer zum 3:1 (49.) hatte er den Ball so hart ins Tor geknallt, dass dabei eine Kamera direkt hinter dem Netz umgefallen war. Das hatte Hoffenheims Mittelfeldspieler schon gar nicht mehr mitbekommen, weil er bereits inbrünstig jubelnd abgedreht war. Monatelang hatte der Neuzugang auf diesen Moment gewartet. All die Enttäuschung, all der Frust über die fehlenden Einsatzzeiten musste raus.

Seine grünen Augen funkelten, als er nach dem Spiel sagte: „Solche Phasen sind für jeden Fußballer schwierig. Es war eine Erleichterung, dass ich wieder auf dem Platz sein durfte.“ Letztmals von Beginn an durfte der 25-Jährige am ersten Spieltag beim 1:3 in München ran. Zwischenzeitlich darbte er entweder auf der Bank und kam nur noch zu drei Kurzeinsätzen oder er schaffte es gar nicht in den Kader. „Er hat sehr, sehr gut und engagiert trainiert“, begründete TSG-Trainer Julian Nagelsmann die neuerliche Nominierung des Deutsch-Italieners in die Startformation.

Für einen der letzten Straßenfußballer in der Bundesliga (Grifo war in keinem Nachwuchsleistungszentrum) müssen die vergangenen Wochen und Monate ein schauerliches Déjà-vu gewesen sein. Bereits bei seinem vorherigen Arbeitgeber Borussia Mönchengladbach war er mit Vorschusslorbeeren empfangen worden und kam letztlich nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus. Ähnlich war es bisher bei der TSG Hoffenheim. Kürzlich hatte Nagelsmann noch das mangelhafte Defensiv-Verhalten des Mittelfeldspielers als Begründung für die geringen Einsatzzeiten ins Feld geführt. Am Samstag lobte der TSG-Coach: „,Vince’ hat gut gespielt und viele zweite Bälle gewonnen.“

„Du musst geduldig auf deine Chance warten und du musst dann parat im Kopf sein“, erklärte Grifo seine Situation. Dass er „parat“ im Kopf war, zeigte er nicht nur bei seinem verwandelten Strafstoß, sondern auch bei zwei weiteren Torvorbereitungen für Reiss Nelson (19.) und Joelinton (73.). Zum Strafstoß war Grifo aber gar nicht als Schütze eingeteilt. „Ich schieße gerne Elfmeter. Ich habe Joe gefragt, ob ich schießen darf“, schilderte er die Sekunden vor dem 3:1.

Mit „Jo“ war Joelinton gemeint, der es, wie Grifo auch, auf drei Scorerpunkte brachte. Der bullige Brasilianer spielte bärenstark, wurde vor dem 3:1 von Jonathan Tah gefoult und erzielte die herrlichen Treffer zum 2:1 (34.) und 4:1 (73.). „Er war zuletzt ein bisschen müde. Heute war es eine Art internes Comeback mit einer unglaublichen Charakterleistung“, lobte Nagelsmann den Doppeltorschützen.

Grifo und Joelinton ragten mit ihren Treffer und Torvorbereitungen zwar heraus, doch insgesamt liegt der Grund für den Sieg in dem höheren Maß an Einsatz, Leidenschaft und Mentalität. Noch drei Tage vor der Begegnung in Leverkusen, beim 0:2 in Leipzig, waren eben jene fußballerischen Grundtugenden sowohl von Spielern als auch vom Trainer bemängelt worden. „Ich fand es gut, dass das so offen angesprochen wurde. Die Reaktion war gut“, freute sich Nagelsmann.

Jetzt eine Art CL-Finale

Einsatz, Leidenschaft und Mentalität sind schon übermorgen wieder gefordert, wenn die TSG in der Champions League bei Olympique Lyon antritt (Beginn 21 Uhr). Es ist für die Kraichgauer im Grunde ein Finale, denn 1899 muss in Frankreich gewinnen, um noch eine Chance aufs Weiterkommen zu haben. „Wir haben heute in den zwei Halbzeiten zwei unterschiedliche Gesichter in der Art und Weise unseres Spiels gezeigt. Wir haben einmal hoch verteidigt und dann tiefer, um zu kontern. Es wird schwer sein für Lyon, das zu analysieren“, sagte Nagelsmann und „garnierte“ diese Worte mit einem süffisanten Grinsen.

Ob Grifo am Mittwoch wieder mitwirken darf, ist fraglich; schließlich hatte der Trainer am Samstag im Vergleich zum Pokalspiel die Startelf auf acht Positionen geändert und wird auch in Lyon wieder kräftig rotieren. Die Tatsache der acht Wechsel zeigt, wie viel Bundesliga-Qualität in diesem TSG-Kader steckt. Doch reicht diese auch für die Champions League?

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