Adler Mannheim

Adler feiern Wiederauferstehung an Karsamstag

Archivartikel

Das Halbfinale in der Deutschen Eishockey Liga ist wieder völlig offen. Die Mannheimer Adler sorgten am Samstagabend mit einem lange nicht für möglich gehaltenen 4:2 (1:1, 0:0, 3:1)-Sieg gegen den EHC München in der mit 13.600 Zuschauern ausverkauften SAP Arena für den 1:1-Serienausgleich. Um ins Play-off-Finale einzuziehen, sind vier Erfolge nötig. Spiel drei der packenden Serie findet am Ostermontag (18.30 Uhr) beim Titelverteidiger aus München statt.

Bill Stewart sagt: „Das war der erste Heimsieg der Adler gegen München seit 1258 Tagen. Das ist eine lange Zeit, ich bin stolz auf meine Jungs.“ Wie befürchtet war Stewart gezwungen, seine Mannschaft auf zwei Positionen umzubauen. Nachdem Matthias Plachta in Spiel eins am Donnerstag einen üblen Ellbogencheck von Münchens Raubein Steven Pinizzotto kassiert hatte, fehlte der Adler-Stürmer am Samstag. Die Information des TV-Senders Sport1, Plachta habe lediglich eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen, bestätigten die Adler auf Nachfrage nicht. Fest stand nur, dass auch Carlo Colaiacovo nicht zur Verfügung stand. Der Verteidiger hatte sich im ersten Halbfinale eine nicht näher bestimmte Oberkörperverletzung zugezogen, für ihn rückte Aaron Johnson ins Team. Plachta wurde im Sturm durch Ryan MacMurchy ersetzt, der etwas überraschend den Vorzug vor Devin Setoguchi erhielt, der noch nicht hundertprozentig fit war. Und Pinizzotto? Der Deutsch-Kanadier, den die DEL am Freitag für sein Horror-Foul für fünf Spiele sperrte, war zwar mit nach Mannheim gereist und hatte dies in den sozialen Netzwerken auch kundgetan, nach dem Morgentraining fuhr er aber zurück nach München.

Die Mannheimer Fans empfingen die Gäste nach den Vorkommnissen im ersten Halbfinale schon zum Aufwärmen mit einem gellenden Pfeifkonzert. Sie gaben das Motto für ihre Jungs vor: „Druff un‘ dewedder“ stand in großen  Buchstaben auf einem Spruchband. Die Spieler hatten verstanden. Sie kamen mit Schaum vor dem Mund aus der Kabine, in den ersten Sekunden teilten Mark Stuart und Thomas Larkin harte Checks aus. Bei all dem verständlichen Ärger vergaßen sie aber auch nicht, worauf es ankam. Sie entfachten großen Druck, Larkin zog einfach mal ab, und da Adler-Stürmer Brent Raedeke und Münchens Verteidiger Keith Aulie vor dem Tor kurvten, sah Danny aus den Birken die Scheibe wohl nicht. Er ließ sie jedenfalls passieren, 1:0 für die Mannheimer nach nur 39 Sekunden!

Brent Raedeke hätte das zweite Tor nachlegen müssen, diesmal rutschte aus den Birken noch rechtzeitig ins bedrohte Eck (4.). In der aufgeheizten Atmosphäre war es Patrick Hager, der als Erster die Beherrschung verlor. Er schlug nach und wanderte deswegen für zwei Minuten auf die Strafbank (7.). MacMurchys Schuss strich knapp vorbei (8.), dann steckte Sinan Akdag den Puck zu Garrett Festerling durch, wieder fehlte nicht viel (9.). Um ein Haar hätte es auf der anderen Seite das nächste Mal gescheppert. Als die Münchner in Überzahl randurften, fand Yannic Seidenberg die Lücke. Michael Wolf war der Adler-Abwehr entwischt, tauchte völlig frei vor Dennis Endras auf, doch der Mannheimer Torhüter behielt die Nerven (10.).

Das Adler-Spiel verlor an Dominanz, der Ausgleich hätte aber nicht fallen müssen. Denis Reul unterlief in der eigenen Zone ein Fehlpass, Mannheim verlor die Ordnung, Seidenberg stand mutterseelenallein vor Endras und ließ ihm beim 1:1 keine Chance (18.).

Der starke Auftakt hatte anscheinend Kraft gekostet. Nach der ersten Pause beschränkten sich die Adler in Sachen Körperspiel aufs Nötigste, aus den Birken hatte kaum mehr etwas zu tun. Nur in der 25. Minute schnupperte das Stewart-Team an der Führung: MacMurchy brachte die Scheibe vor das Tor, Adam legte sie sich noch einmal auf die Rückhand, er konnte sie aber nicht mehr lupfen. Die Mannheimer waren nun immer öfter einen Schritt zu langsam, Reul brachte Michael Wolf zu Fall, die Schiedsrichter Daniel Piechaczek und André Schrader gaben keinen Penalty, sondern nur eine kleine Strafe (28.). Den Adlern fiel der Rückwärtsgang in dieser Phase ungemein schwer, nicht nur einmal schwärmten die Münchner aus und liefen gefährliche Konter. Nur gut aus Mannheimer Sicht, dass sie diese nicht clever zu Ende spielten – so wie Jerome Flaake, dessen Pass ins Leere ging (30.). In der großen Münchner Drangphase war sie plötzlich da, die große Adler-Chance zum 2:1. Christoph Ullmann stand vor aus den Birken. Er brachte die Scheibe aber nicht unter Kontrolle, da er in letzter Sekunde entscheidend gestört wurde (36.).

Richtig brenzlig wurde es aus Mannheimer Sicht, als die Referees erst Patrick Mullen und dann Larkin für zwei Minuten vom Eis schickten. Der Titelverteidiger durfte Ende des zweiten Drittels für 79 Sekunden mit zwei Mann mehr ran. Mit Glück, Geschick und einem starken Endras überstanden die Blau-Weiß-Roten diese heikle Phase allerdings.

Rückenwind brachte dies aber keinen. Unmittelbar nach Beginn des letzten Abschnitts fiel das überfällige 1:2. Über die rechte Seite tankte sich Jason Jaffray durch, er zog mit der Rückhand ab. Endras hatte die Scheibe – oder doch nicht? Sie rutschte dem starken Goalie durch, München hatte nach 28 Sekunden im Schlussdrittel die Nase vorn. Dominik Kahun hätte für die Vorentscheidung sorgen können, doch er fand die Lücke nicht (44.). Auf der anderen Seite fuhr Garrett Festerling einen der wenigen Mannheimer Angriffe, Daniel Sparre verzog knapp (45.). Die Adler schienen mausetot – doch sie feierten Wiederauferstehung an Karfreitag. Marcel Goc brachte den Puck vors Tor, Michael Wolf drückte Ullmann in den Torraum, von dessen Körper sprang er hinter die Linie. Tor? Die Schiedsrichter zogen den Videobeweis zu Rate und brauchten lange für ihre Entscheidung? War es Torraumabseits? Oder Behinderung des Torhüters? Die Minuten verstrichen, Piechaczek und Schrader schauten sich die Szene immer und immer wieder an. Und dann, um 21.08 Uhr hob das „Ufo“ im Bösfeld ab: Der Treffer zählte, 2:2 (53.). Die Adler bekamen die berühmte zweite Luft. Kolarik legte schön zu Adam ab, und der nagelte die Scheibe nur 51 Sekunden nach dem 2:2 zum 3:2 ins Netz (53.). Die SAP Arena wurde zum Tollhaus, die Fans gaben dem Team die Energie, die ihm lange Zeit gefehlt hatte. Eineinhalb Minuten vor Schluss nahm Münchens Trainer Don Jackson seinen Torhüter zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis. Das nutzten die Adler zur Entscheidung: Kapitän Marcus Kink fing einen Pass ab, er mobilisierte die letzten Kräfte, ging auf und davon und schob den Puck 44,2 Sekunden vor dem Ende mit der Rückhand ins leere Tor. 4:2, jetzt gab es kein Halten mehr!

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