Adler Mannheim

Adler Mannheim Der elfjährige Cheick Simpara und sein fünf Jahre alter Bruder Mamadou, deren Eltern aus Mali kommen, träumen in der Laufschule von einer großen Karriere

Eine heiße Liebe für den kalten Sport

Archivartikel

Mannheim."In der Heimat kennen wir Eis nur aus dem Kühlschrank." Das sagt Bakary Simpara und lacht. Der 49-Jährige wurde in Mali geboren, 1987 kam er aus dem westafrikanischen Land nach Deutschland, um hier zu studieren. Es dauerte, bis sich Simpara zurechtfand. Er musste erst lernen, wie die Deutschen ticken, den Kulturschock hat er aber längst verdaut - auch weil 1999 seine Ehefrau nachkam. Als Hobby für seine Kinder hätte sich der UPS-Fahrer vieles vorstellen können. Wie in Deutschland, so ist auch in Mali Fußball die Sportart Nummer eins. Was hätte also nähergelegen, als den Nachwuchs dem Ball nachjagen zu lassen? Doch es kam anders.

Als im Sommer eine Familie namens Woodcroft in die Nachbarschaft zog, hätte Simpara nicht zu träumen gewagt, wie dies sein Leben verändern sollte. "Wir haben Craig zu Beginn der Sommerferien kennengelernt. Damals wussten wir gar nicht, dass er was mit den Adlern zu tun hat", erinnert sich Simpara. Das änderte sich schnell. Immer wieder fielen die Klubfarben Blau, Weiß, Rot auf - auch der Dienstwagen brachte Simpara auf die richtige Fährte. Irgendwann gab es keinen Zweifel mehr: Die Woodcrofts, die müssen etwas mit den Adlern zu tun haben!

Erstes Live-Spiel gegen Ingolstadt

"Woody" stellte sich als Co-Trainer vor und ließ in der Saison Tickets für ein Spiel gegen Ingolstadt springen. "Seitdem ist die Begeisterung groß. Wir sind hin und weg", betont Simpara und erklärt: "Vorher haben wir zwar gewusst, dass die Adler in der Stadt eine große Rolle spielen. Über das Grundschulprojekt standen unsere Kinder auch schon auf dem Eis der Nebenhalle der SAP Arena. Aber wir wussten mit Eishockey wenig anzufangen, haben es mit Rugby verglichen. Wegen des französischen Einflusses in Mali war uns das eher bekannt. Wir hatten bis dato noch keine Adler-Partie live gesehen."

Das sollte sich ändern - und zwar grundlegend. In der Familie dreht sich nun fast alles um die schnellste Mannschaftssportart der Welt. Vor allem wegen der Kleinen: Der elfjährige Cheick und der fünf Jahre alte Mamadou stehen viermal in der Woche in der Laufschule auf dem Eis. Daheim vergeht kaum ein Tag, in dem sie sich nicht die Inliner an die Füße schnallen und auf der Straße ihren großen Idolen nacheifern. "Mamadou trägt seine Begeisterung sogar bis in den Kindergarten", erzählt Papa Simpara. "Dort müssen all seine Freunde Eishockey spielen - und Mamadou ist der Trainer. Er zeigt ihnen, wie man schnell fährt und wie man bremst."

Einen Höhepunkt erlebten Cheick und Mamadou beim fünften Viertelfinale gegen die Nürnberg Ice Tigers: Sie gehörten zu den Einlaufkindern. Mamadou trug ausgerechnet das Trikot mit der Nummer 28 - das von Nationalspieler Frank Mauer, der in dieser Partie nicht nur das 2:2 schoss, sondern in der siebten Minute der Verlängerung auch das entscheidende 4:3 erzielte. "Mamadou ist danach die ganze Zeit herumgelaufen und hat gejubelt: ,Ich bin Frank Mauer, ich bin Frank Mauer'", erzählt Simpara mit einer Mischung aus Verwunderung und väterlichem Stolz.

Auch vor dem dritten Halbfinale gegen Wolfsburg gehörten die Simparas zu den Kindern, die ihren Idolen quasi den Weg zum 4:0-Sieg bereiteten. "Als ich die Adler zum ersten Mal spielen gesehen habe, war ich sofort fasziniert", erzählt Cheick mit leuchtenden Augen. "Ich wollte das unbedingt selbst ausprobieren." Obwohl der Elfjährige relativ spät mit dem Eishockeysport begonnen hat, setzt er sich große Ziele. Für die Adler aufzulaufen, das wäre okay, damit will sich Cheick aber nicht zufrieden geben: "Mein Traum ist es, in der NHL zu spielen." Schlagschüsse - ja, die könne er schon gut, auch das Umsetzen von Vorwärts- ins Rückwärtslaufen klappe. Zwar gebe "Woody" nicht unbedingt Tipps, "er motiviert uns aber, bei der Stange zu bleiben", sagt Cheick.

"Eishockey verbindet Völker"

Für Woodcroft ist diese Geschichte das beste Beispiel dafür, dass Eishockey keine Grenzen kennt. "Es verbindet Völker", sagt der 45-Jährige, und Bakary Simpara gibt ihm recht. "Wir alle sind jetzt große Adler-Fans", betont das Familienoberhaupt. Wirklich alle? Dass es neben Eishockey noch was anderes gibt, zeigt der älteste Sohn Mohamed: Der 14-Jährige spielt Basketball. Und die kleine Schwester Maintou (3)? "Momentan macht die noch nichts richtig, später vielleicht mal Eiskunstlaufen", sagt der aufgeweckte Mamadou. Und wenn sie sich für Eishockey entscheidet? Der Fünfjährige rümpft die Nase, sagt aber dann: "Das wäre mir auch egal." Eishockey kennt eben keine Grenzen.