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Der deutsche Motorsport am Scheideweg

Archivartikel

Betroffenheit. Ungläubigkeit. Frust, aber auch ein paar Tränen. Es war die ganze Palette an Emotionen, die der Traditions-Rennstall Abt Sportsline zuletzt erlebte. Mal wieder. Die Mannschaft hat bei den Formel-E-Testfahrten Ende November erfahren, dass Audi nach der kommenden Saison den Stecker zieht. Während in den anderen Garagen fleißig gewerkelt wurde, zogen sich die Abt-Jungs zurück und wurden von dem Schritt in Kenntnis gesetzt. Audi engagiert sich stattdessen künftig in der Rallye Dakar.

Eine bittere, eine unangenehme Situation, das schlimme Gefühl der Ungewissheit kehrte zurück. Abt hatte ja vor einem halben Jahr erst den Ausstieg aus der DTM hinnehmen müssen. CEO Hans-Jürgen Abt kündigte zuletzt an, dass man nicht den Kopf in den Sand stecke. Gleichzeitig kritisierte er die Hersteller.

"Um ehrlich zu sein: ich verstehe nicht mehr, was manche Hersteller da machen", sagte Abt der Bild-Zeitung. "Der Motorsport war immer die DNA vieler deutscher Automarken. Aber die Marketingstrategen scheinen zu glauben, dass man den sportlichen Wettkampf nicht mehr braucht, um Autos zu verkaufen", sagte Abt. "Sie glauben offenbar, dass sie die Menschen anders erreichen. Wir hingegen sind weiter felsenfest von unserem Motto überzeugt: Von der Rennstrecke auf die Straße. Wir glauben daran, dass das weiterhin funktioniert."

Audi ist kein Einzelfall. BMW zieht sich ebenfalls nach der kommenden Saison aus der Formel E zurück, die Münchner trennen sich zudem noch von ihren Traditionsteams Schnitzer und RBM, was zu einer Menge Kritik geführt hat. Nicht zu vergessen Volkswagen: Der Autobauer löst gleich die ganze Motorsport-Abteilung auf.

"Das ist frustrierend in Sachen Motorsport und Perspektive für die Zukunft. Wir sind in der vollen Vorbereitung des neuen Jahres und du hörst nur eine schlechte Nachricht nach der anderen. Das gibt mir zu denken: Wo landet der Motorsport, wo geht er hin? Das ist beängstigend zu sehen, dass nahezu jeder die Weichen neu stellt und kein Problem damit hat, Programme einzustellen", so der zweimalige DTM-Champion Timo Scheider im ran-Podcast.

Er kennt es aus der Vergangenheit, dass die Entscheidungen seltsam wirken können. Schließlich hatte Audi den Fokus auf die Formel E im Frühjahr erst geschärft. Und jetzt die Rolle rückwärts? "Das Perverse ist: Es ist oft so, dass die Motorsport-Abteilungen teilweise völlig losgelöst von Entscheidungen von Vorständen Dinge entwickelt haben. Das kann man manchmal nicht nachvollziehen, die Dinge werden dann aber direkt ganz oben zwischen Marketing und Vorständen getroffen, die im Motorsport erst später ankommen. Das kann dann eine richtige Klatsche auf die Ohren sein", sagte Scheider.

Und was ist mit der DTM? Da haben sich bislang erst vier Teams offiziell eingeschrieben, viele Dinge sind immer noch unklar. Scheider: "Es ist nicht alles schwarz, was kommt, es sind neue Perspektiven, die sich auftun. Wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf."

Das stimmt, denn Abt zum Beispiel bleibt der DTM treu, bekannte sich zuletzt zu der Serie. Das Bemerkenswerte: Durch die Neuausrichtung der DTM ist Abt nicht mehr als Werks-, sondern als Privatteam dabei, muss den Einsatz zweier Autos also selbst stemmen. Fakt ist aber: Nicht alle werden sich das leisten können, der Motorsport, nicht nur der deutsche, befindet sich in einem Wandel, viele Beteiligte stehen am Scheideweg. Entscheidend geprägt von unabsehbaren und unberechenbaren Faktoren wie der weiteren Entwicklung des Corona-Krise und der Wirtschaft. Es wird also schwierig bleiben. Und emotional.

Andreas Reiners / mid