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Die mid-Zeitreise: De-La-Chapelle Typ 55 - Wiedergeburt einer Legende

Archivartikel

Am 24. Juli 1989 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 34. Jahrgang über den Sportwagen De-La-Chapelle Typ 55.

Angeblich auf einem Bierdeckel soll Jean, Sohn des genialen Automobil-Konstrukteurs Ettore Bugatti, 1932 mit wenigen gekonnten Bleistiftstrichen die Umrisse eines der schönsten Sportwagen aller Zeiten gezeichnet haben: Typ 55, ein zweisitziger Roadster mit scheinbar endloser Motorhaube, schwungvoll-eleganten, langgezogenen Kotflügeln und dem typischen Bugatti-Kühler in Hufeisenform.

Xavier de la Chapelle, Spross einer französischen Industriellenfamilie, die sich schon um 1900 mit den Anfängen des Automobilbaus beschäftigte, lässt nun die Legende wieder auferstehen: als De-La-Chapelle Typ 55, in der Linienführung mit dem großen Vorbild identisch, in der Technik jedoch auf dem Stand von heute. Eine glückliche Hand bewies de la Chapelle insbesondere bei der Auswahl des Antriebs: Motor, Getriebe, Kardan und Differenzial sind dem BMW 325i entnommen. Der seidenweiche Sechs-Zylinder begeistert - wie schon im Original - auch hier durch Drehfreudigkeit, Elastizität und eine für ein Cabrio schon fast überzogene Endgeschwindigkeit von 197 km/h. Ob der auf Wunsch lieferbare geregelte Katalysator bei den bisher ausgelieferten Exemplaren die Akzeptanz für dieses Luxus-Spielzeug bei grün angehauchten Großindustriellen wesentlich erhöht hat, ist nicht überliefert - sicherlich geholfen hat er jedoch bei der Erteilung einer Zulassung des Kfz-Bundesamtes in Flensburg.

Das Fahrwerk ist ebenfalls vom Feinsten. Einzelrad-Aufhängung rundum, doppelte Querlenker, vorne mit McPherson-Federbeinen, hinten mit Schraubenfedern. Zusammen mit einer idealen Gewichtsverteilung von 45 Prozent vorne zu 55 Prozent hinten ermöglicht diese im Rennsport entwickelte Fahrwerkkonstruktion Querbeschleunigungswerte, wie sie sonst nur noch bei reinrassigen Sportwagen der Neuzeit zu finden sind.

Der besondere Reiz des mit feinstem Leder und poliertem Nussbaum-Armaturenbrett äußerst edel ausgestatteten Renners liegt aber weniger im oberen Geschwindigkeitsbereich, zumal das handgenähte Verdeck dank einer wenig sinnreichen Druckknopf-Konstruktion schon ab zirka 80 km/h größere Frischluft- oder gegebenenfalls auch Wasserportionen ins Innere lässt als den Insassen lieb sein kann. Nein, die hier beschriebene Faszination eines solchen Open-Air-Fahrzeuges liegt im ungehinderten Sehen und Gesehenwerden, ohne störendes Verdeck, mit Lederhaube a' la Red Baron, ausgestellten Seitenscheibchen, auf den kurvenreichen Landstraßen des Oberbergischen zum Beispiel oder im Flaniertempo auf der Münchener Leopoldstraße.

Wirkliche Oldtimer-Enthusiasten mögen die Nase rümpfen und etwas wie "billiges Plastikspielzeug" murmeln, aber damit tun sie dem De-La-Chapelle unrecht. In zirka 1.200 Stunden liebevoller Handarbeit entsteht mit jedem Typ 55 ein kleines Kunstwerk, in dem gerade die handwerklichen Traditionen weiterleben, die der Oldtimer-Liebhaber beim modernen Großserien-Automobilbau so schmerzlich vermisst. Ob jemand willens und in der Lage ist, für eine solche Reminiszenz an die "gute alte Zeit" fast 120.000 DM locker zu machen und dabei noch Unzulänglichkeiten wie rutschige Sitze, eine stößige Lenkung und die Außenspiegel verstellenden Türen in Kauf zu nehmen, muss jeder selbst entscheiden. Sicher ist: Spaß macht es.