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DTM-Finale: Akribischer Malocher vs. smarter Schwiegersohn

Archivartikel

Charmant ist anders. Doch Dennis Rostek muss es wissen, immerhin ist er seit 2005 der Manager von Rene Rast. "Rene ist kein einfacher Mensch, eigentlich schwierig", sagt Rostek über den Titelverteidiger, der mit einem Vorsprung von 19 Punkten auf seinen Audi-Kollegen Nico Müller in das Finale in Hockenheim (6. bis 8. November) geht. Oder aber: "Rene ist nicht unbedingt ein Naturtalent." Was sich bei einem Fahrer, der von 74 DTM-Rennen 23 gewonnen hat, dazu vor seinem dritten Titelgewinn steht, und das alles in gerade einmal vier kompletten Saisons, wie eine Beleidigung anhört, hat Rast selbst schon zugegeben.

Soll heißen: Der 34-Jährige setzt sich nicht wie andere in ein Auto und haut auf Anhieb die Bestzeiten heraus. Rast erarbeitet sich die Vorteile auf der Strecke mit einem akribischen Ansatz. Die Nächte an der Strecke, die er mit Laptop und Daten verbringt, zahlen sich aus. Analyse und Vorbereitung, immer im Einsatz. Deshalb kann es sein, dass er manchmal etwas verbissen wirkt.

"Rene ist immer fokussiert. Rene ist ein Malocher! Er arbeitet intensiver als jeder Ingenieur", so Rostek. Rast: "Man muss auch aus eigenen Fehlern lernen. Wenn ich zum Rennen komme, habe ich einen konkreten Fahrplan." Er nutze diese Basics zu 110 Prozent, unterstreicht sein Manager: "Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Rennfahrern." Das ist auch ein wichtiger Grund, warum er 2020 in dieser Position ist.

Denn sein Audi-Markenkollege Nico Müller hatte die ganze Saison über die Gesamtwertung angeführt, erst zuletzt in Zolder hat er sie an Rast verloren. Müller sieht seine Felle davonschwimmen. "Es läuft alles gegen uns", haderte er. Was dann dazu führte, dass der Schweizer nicht mehr der smarte Schwiegersohn war, eloquent und zuvorkommend, sondern auch schon mal seine Kinderstube vergaß und die Gegner oder die Rennleitung anpampte.

Es ist das zweite Jahr in Folge, dass sich Müller im Titelkampf befindet. 2019 verlor er die Meisterschaft frühzeitig gegen Rast, Fehler am Nürburgring brachten ihn um die noch verbliebenen Titelchancen: Frühstart am Samstag, verpatztes Qualifying am Sonntag. "Aber auch dann setzt er sich hin, analysiert und versucht, daraus zu lernen", weiß sein Teamchef Thomas Biermaier. Sein Teamkollege Robin Frijns bestätigt: "Er verbringt sehr viel Zeit vor dem Computer, während ich mir diese Kurven und Grafiken nie länger als eine Stunde ansehen kann."

Gut möglich aber, dass es erneut nicht reicht für den ganz großen Wurf. "All in" ist deshalb das Motto Müllers für das Finale. Helfen könnte ihm dabei Frijns, der als Gesamtdritter zwar auch noch rechnerische Chancen auf den Titel hat, 41 Punkte Rückstand bei 56 noch möglichen Zählern sind dann aber doch sehr viel.

Aus eigener Kraft können weder Müller noch Frijns ausreichend Punkte gutmachen, nur 16 sind bei voller Ausbeute in den beiden Hockenheim-Rennen gegenüber dem theoretisch jeweils Zweitplatzierten maximal möglich. Als Duo jedoch ließe sich das Blatt durchaus aus eigener Kraft wenden - etwa, wenn die "Äbte" jeweils die beiden Top-Platzierungen in Qualifyings und Rennen sichern und Müller dabei jeweils den Spitzenplatz einnimmt. Rast wiederum hat die erfolgreiche Titelverteidigung in seinen eigenen Händen. Dazu müsste er "nur" in beiden Qualifyings und beiden Rennen wenigstens Zweiter werden - dann wäre ihm die große Trophäe nicht mehr zu nehmen, ganz gleichgültig wie die Kontrahenten abschneiden.

"Es gibt nur eine Richtung. Man kann voll angreifen und einfach alles geben, um das Ding nochmal umzudrehen", so Müller. Rast geht das Finale "ganz entspannt" an. "Ich muss diesen dritten Titel nicht mit aller Gewalt einfahren. Wenn er kommt, dann ist es mega, dann freue ich mich irre. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich sage: Den brauche ich unbedingt und ohne den geht's nicht. Ich guck, was da passiert."

Andreas Reiners / mid