Auto

Herausforderungen durch E-Mobilität

Elektromobilität bedeutet nicht nur für die Autoproduzenten eine Herausforderung, sondern auch für Werkstätten - und in einem weiteren Schritt für Rettungskräfte. Vor allem Feuerwehren, die zu einem Schaden mit E-Fahrzeugen gerufen werden. E-Autos enthalten Hochvolt-Komponenten, die bei unsachgemäßem Umgang für den Werkstatt-Mitarbeiter oder den Feuerwehrmann gefährlich werden können.

Was bisher eine Nische im Automarkt war, wird zunehmend relevanter: Der Bestand an elektrifizierten Fahrzeugen (vollelektrische Autos sowie Hybride) hat in Deutschland 2019 die Marke von 400.000 Einheiten überschritten. In den ersten sechs Monaten gab es einen Sprung bei den Neuzulassungen um mehr als 80 Prozent auf 31.000 Fahrzeuge. Und: Immer mehr E-Fahrzeuge kommen nun in ein Alter, in dem Wartungen und Reparaturen anstehen.

Ohne Schulung darf allerdings kein Werkstatt-Mitarbeiter Hand anlegen an einem Elektrofahrzeug, seien es Pkw oder Nutzfahrzeuge - selbst nicht bei einfachen Wartungstätigkeiten an den konventionellen Teilen von Hybriden. Die ZF Aftermarket, eine Division des Autozulieferers ZF in Friedrichshafen, hat aus diesem Grund schon vor einigen Jahren mit der Entwicklung eines Hochvolt-Trainings begonnen, nach dessen Absolvierung mit anschließender Prüfung sich der Teilnehmer "ZF-Hochvolt-Experte" nennen darf. Bei einem Workshop in der Konzern-Zentrale stellten die Verantwortlichen das Programm jetzt vor.

Die Umstellung auf Erfordernisse der E-Mobilität wird für Werkstätten, vor allem freie Werkstätten, letztlich zur Existenzfrage, sagt Marco Neubold, Leiter Domain Service bei ZF Aftermarket. Denn E-Fahrzeuge verschleißen weniger als Verbrenner und benötigen weniger Wartung. Der Markt wird also enger, "nur wer Fachwissen besitzt, wird sich durchsetzen". Neubold sieht für die Werkstätten aber auch Chancen, nämlich sich durch qualifizierte Mitarbeiter, Investitionen in die Ausstattung und die Optimierung des Workflows in der Werkstatt als "E-Spezialist" zu positionieren.

In Friedrichshafen wurde vor acht Jahren - also zu Beginn der E-Mobilisierung - mit dem Aufbau eines Hochvolt-Trainings begonnen, anfänglich für die Mitarbeiter im eigenen Haus, später dann auch für Externe - Mitarbeiter von freien Werkstätten, aber auch zum Beispiel der BMW-Konzern.

Mittlerweile ist ZF Aftermarket weltweit mit seinem Trainingsangebot unterwegs. Die Trainingseinheiten sind auf das tägliche Leben in den Werkstätten abgestellt und wollen viel Kompetenz bei möglichst geringem Aufwand und gleichzeitig hoher Qualität vermitteln, wie Rolf Hildebrand, Leiter Service Readiness der Division Nutzfahrzeuge, erläutert.

Grundlage des Trainigs sind die Regeln der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). ZF Aftermarket, und hier besonders Harald Dämpfle als Leiter Technical Training, hat ein dreistufiges Programm entwickelt. Die Grundlagen werden in einer Online-Schulung (sechs E-Learning-Module) vermittelt - das reduziert die Abwesenheit der Mitarbeiter im Betriebe - an die sich ein dreitägiger Praxisteil anschließt. Die abschließende Prüfung ist Voraussetzung für den Einstieg in Stufe 2. Teilnehmer, die bereits eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker oder einen vergleichbaren Abschluss haben, können nach einer Eingangsprüfung direkt in Stufe 2 einsteigen.

Hier gibt es wieder E-Learning-Module, bevor sich ein dreitägiger Praxisteil anschließt. Die Teilnehmer erwerben Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was bei normalen Wartungsarbeiten an Pkw gefordert ist. Sie können Bauteile tauschen, Fehler suchen und Hochvolt-Systeme ein- und ausschalten. Mit bestandener Abschlussprüfung erhalten die Teilnehmer das Zertifikat "ZF-Hochvolt-Experte".

Neu ins Schulungsangebot kommt ab Dezember 2019 die Ausbildung zum Hochvolt-Experten der Stufe 3. Dabei stehen Arbeiten an unter Spannung stehenden Hochvoltkomponenten im Mittelpunkt, zum Beispiel beim Tausch von Batteriezellen und beim Umgang mit Unfall- Fahrzeugen, deren Schutzmaßnahmen nicht mehr funktionieren.

Um solche Arbeiten anbieten zu können, sind im Betrieb allerdings noch weitere Voraussetzungen nötig, die von der speziellen Schutzkleidung bis hin zur Ausgestaltung der Arbeitsplätze reichen. Die Stufe 3 eignet sich deshalb nicht für jede Werkstatt, sondern besonders für Betriebe, die Karosserie-Arbeiten an Unfallfahrzeugen ausführen oder Schäden reparieren, bei denen sich die Spannungsfreiheit nicht sicherstellen lässt, sowie Kfz-Werkstätten, die solche Arbeiten für andere Autohäuser übernehmen.

Auch für Rettungskräfte, die zu Unfällen mit E-Fahrzeugen gerufen werden, bietet ZF Aftermarket ein Training an. Dabei geht es für Feuerwehren darum, relativ schnelle, sichere und einfache Lösungen zu finden. Harald Dämpfle mache auf die Gefahren - nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei Bränden und Wasserschäden - aufmerksam, die sich aber durch qualifizierte Einsatzkräfte minimieren lassen.

Informationen zu den Schulungen erhalten Interessenten unter www.aftermarket.zf.com.

Jürgen Strein / mid