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mid-Interview mit VDA-Präsident Bernhard Mattes

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Schriftliches Interview mit VDA-Präsident Bernhard Mattes für Motor-Informationsdienst (Global Press Nachrichtenagentur)

mid: Herr Mattes, in welchen Bereichen steht die deutsche Autoindustrie aktuell vor den größten Herausforderungen?

Bernhard Mattes: Der Transformationsprozess in der Automobilindustrie umfasst aktuell die zwei großen Bereiche der Elektromobilität und sonstiger alternativer Antriebe sowie das automatisierte und vernetzte Fahren. Handelskonflikte kommen - drittens - noch hinzu. Wir bekennen uns zum Klimaschutz und zu den Pariser Klimazielen: Unser Ziel ist der treibhausgasneutrale Verkehr bis 2050. Dieses Ziel und die CO2-Vorgaben der EU für die Neuwagenflotte sind so anspruchsvoll, dass wir diese nur mit einem schnellen Technologiewechsel in emissionsarme alternative Antriebe erreichen können. Besonders im Fokus steht in den kommenden Jahren die Elektromobilität. Deutsche Hersteller und Zulieferer investieren in den nächsten drei Jahren 40 Mrd. Euro in die Elektromobilität und alternative Antriebe. Damit der Hochlauf gelingt, muss die Ladeinfrastruktur im öffentlichen und privaten Raum jetzt schnell, nachhaltig und flächendeckend ausgebaut werden. Unser Technologieschwerpunkt liegt zwar auf der Elektrifizierung, aber wir behalten auch andere Optionen im Blick: Wir arbeiten weiter an alternativen Antrieben und Kraftstoffen und setzen uns für die freiwillige Anrechnung regenerativer Kraftstoffe auf die CO2-Flottenziele ein. Dazu gehören u.a. klimaneutrale E-Fuels, CNG und Wasserstoff. Der zweite große Innovationstreiber ist die Digitalisierung. Wir haben die "Vision Zero" - mehr Sicherheit, Effizienz, Nachhaltigkeit und Komfort. Digitalisierung und Vernetzung können entscheidend dazu beitragen. Deshalb investieren Hersteller und Zulieferer in den nächsten drei Jahren 18 Mrd. Euro in Digitalisierung und automatisiertes, vernetztes Fahren und halten die Hälfte der weltweiten Patente in diesem Bereich. Damit wir die Vernetzung von Fahrzeugen untereinander und mit der Infrastruktur schnell umzusetzen können, müssen die infrastrukturellen Rahmenbedingungen verbindlich geplant und festgelegt werden: Bis 2025 brauchen wir eine flächendeckende, dynamische Mobilfunkversorgung und müssen Hauptverkehrswege und urbane Räume mit 5G abdecken. Außerdem müssen die rechtlichen Voraussetzungen für höhere Automatisierungsstufen geschaffen werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Transformationsprozess mit den enormen Anstrengungen der Industrie und den richtigen politischen Rahmenbedingungen erfolgreich vorantreiben. Auf der IAA werden wir mit allen Akteuren die Mobilität der Zukunft schon heute erleben, sehen, hören und darüber diskutieren.

mid: Welche IAA-Neuheiten und -Trends dieses Jahres schätzen Sie als besonders wichtig für das Auto-Land Deutschland ein?

Bernhard Mattes: Wie die gesamte Automobilindustrie wandelt sich auch die IAA: von einer Ausstellung hin zur internationalen Plattform der Mobilität, auf der alle relevanten Akteure künftiger Mobilität präsent sein werden. Mit der Neuausrichtung der IAA erleben unsere Teilnehmer zum ersten Mal die neuen Formate "IAA Conference", "IAA Exhibition?, "IAA Experience" und "IAA Career". Auf der IAA Exhibition werden wir viele Neuheiten und Weltpremieren sehen. Ob Hersteller, Zulieferer, Start-ups oder IT-Unternehmen: Sie alle wollen die Mobilität von heute und in der Zukunft so sicher und emissionsfrei wie möglich gestalten. Die Unternehmen präsentieren neueste Modelle mit Plug-in-Hybrid oder batterie-elektrischem Antrieb. Gleichzeitig werden innovative Geschäftsmodelle und serienreife Technologien für das automatisierte und vernetzte Fahren gezeigt. Die IAA Conference ist ein wesentlicher Pfeiler der neuen IAA mit Top-Speakern und Paneldiskussionen. Auf vier Bühnen werden mit Experten, Interessierten und Querdenkern die Ideen zur Zukunft der Mobilität diskutiert. Auf der IAA Experience können die Besucher die neuesten Mobilitätstrends hautnah erleben, zum Beispiel mit Outdoor-Parcours, Probefahrten oder einem E-Move Track für E-Scooter und E-Bikes. Die IAA Career richtet sich an Studierende, Berufseinsteiger und Professionals, die sich mit den Akteuren auf der IAA vernetzen können. Damit ist die IAA viel mehr als eine Showbühne, sie ist Netzwerk- und Diskussionsfläche. Wir setzen mit der IAA 2019 ein wichtiges Signal für die Zukunft einer ganzen Industrie: Wir wollen inspirieren, in den Austausch gehen, miteinander diskutieren.

mid: Gibt es beim VDA Konzepte, wie die IAA-Schwänzer, also Hersteller, die der Messe fernbleiben, wieder nach Frankfurt gelockt werden können?

Bernhard Mattes: Wir sehen in jedem Hersteller, der diesmal - oft aus unternehmensspezifischen Gründen - nicht dabei sein kann, einen potenziellen Aussteller für die nächste IAA. Wir richten unsere IAA-Strategie immer danach aus, dieses Leitevent so attraktiv zu machen, dass das Produkt den Kunden überzeugt. In diesem Jahr sind es die vier Säulen IAA Conference, IAA Exhibition, IAA Experience und IAA Career, auf der alle relevanten Akteure künftiger Mobilität vertreten sind und auf der wir alle Facetten der Mobilität von heute und morgen abbilden.