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Nach dem Audi-Ausstieg: "Rast"-los in die Formel E

Archivartikel

Tourenwagenfahrer der Marke Audi sind auf Jobsuche. Verantwortlich dafür ist der angekündigte Ausstieg der Ingolstädter aus der Rennserie DTM zum Saisonende. Rene Rast gilt als heißer Kandidat für das Formel-E-Cockpit, er absolviert Anfang Juli 2020 Testfahrten. Der Motor-Informations-Dienst (mid) hat mit dem DTM-Champion über die Chancen gesprochen.

Sorgen hat sich Rene Rast keine gemacht. Gedanken, ja klar. Das muss man, auch als DTM-Champion, wenn der eigene Arbeitgeber inmitten der Corona-Krise den Ausstieg aus der Serie verkündet, die man drei Jahre lang geprägt hat. Doch die Option für die Zukunft bei Audi lag auf der Hand. Denn die Ingolstädter fokussieren sich nun noch mehr auf die Formel E. Und Rene Rast galt sofort als heißer Kandidat für eines der Cockpits des Brasilianers Lucas di Grassi und von Daniel Abt, beide seit dem Debüt der Elektroserie 2014 dabei.

Und manchmal gehört zu einer erfolgreichen Rennfahrer-Karriere auch Glück dazu. Denn nach dem eSports-Skandal hat Audi Rennfahrer Daniel Abt vor die Tür gesetzt. Heißt: Audi benötigt bereits jetzt, für den Rest der aktuell unterbrochenen Saison, Ersatz. Und für die Zeit danach. Die Chance für Rast, der Anfang Juli Testfahrten auf dem Lausitzring bestreiten darf. Das einzige Hindernis: Wenn der Kalender der DTM mit dem der Formel E kollidiert - bei der Elektroserie steht noch nicht fest, ob und wie es weitergeht - hat die DTM Vorrang.

Für Abt, den Rast lange kennt, tue es ihm irrsinnig leid, sagt er im Gespräch mit dem mid: "Aber auf der anderen Seite muss man es auch professionell sehen: Die Tür hat sich jetzt für mich geöffnet. Im Werkssport bei Audi gibt es im Moment nur noch die Formel E. Und wenn sich die Tür öffnet, dann gehe ich da auch rein." Deshalb ist klar: "Ich wäre definitiv interessiert daran, in der Formel E zu fahren. Sie ist eine der besten Meisterschaften."

Man muss dazu wissen: Die Formel E war schon früher eine Option, 2016 feierte Rene Rast ein überraschendes Debüt, als er spontan nach Berlin zitiert wurde, um für das Aguri-Team zu fahren. Ein Kaltstart, ohne jegliche Vorbereitung, am Renntag wurde noch schnell der Sitz gegossen.

Den neuerlichen Anlauf geht er nun an wie immer. Gelassen. "Ich schaue YouTube-Videos, schaue mir sachte an, wie man mit dem Auto fährt. Danach werde ich mich irgendwann in den Simulator begeben, mit den Ingenieuren und dem Team sprechen, um Infos aufzusaugen", sagte er: "Der Test ist vor allem dafür gedacht, um mir ein Gefühl für das Auto zu geben, um reinzuschnuppern. Da geht es gar nicht so sehr um Performance."

Bedenken, dass er mit dem Formel-Auto Schwierigkeiten haben könnte, muss man wohl nicht haben. Rene Rast gilt als Universal-Talent, als jemand, der sich mit viel Arbeit und Akribie in die Materie frisst und an guten Tagen nahezu unschlagbar ist. So eroberte er mit Anfang 30 mit zwei Titeln und einem zweiten Platz in drei Jahren die DTM. Um das Level und das Maximum zu erreichen und zu halten, schlägt er sich auch schon mal die Nächte am Laptop um die Ohren.

"Im Endeffekt kommt es darauf an, dass ich mich bestmöglich vorbereite. Nicht nur am Simulator, sondern auch vom Kopf her", betont Rast. "Das kann ich recht gut: Wenn ich gut vorbereitet bin, kann ich mich ins Auto setzen und auf Anhieb Leistung abrufen. Danach muss man sehen, was an Feintuning durch Daten möglich ist. Ein wichtiger Faktor ist aber natürlich die Erfahrung, die mir am Anfang noch fehlt."

Doch es gibt auch Konkurrenz. Sein DTM-Kollege Nico Müller galt 2019 bereits als Audi-Kandidat, er fährt in dieser Saison für Dragon, stellte aber schon klar, dass dieses Engagement zumindest aktuell Vorrang hat. Auch Robin Frijns hat eine Menge Formel-E-Erfahrung, fährt 2020 für das Audi-Kundenteam Virgin. GT-Pilot Kelvin van der Linde ist ebenfalls im Blickfeld. "Natürlich macht man sich langsam Gedanken, weil die Uhr tickt. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass die Formel E eine Option ist, die mich sehr interessiert", sagt Müller dem mid.

Ein Rast-Vorteil: Audi wird darauf achten wollen, im Hinblick auf die Akzeptanz dieser Serie in Deutschland weiterhin einen deutschen Fahrer im Auto sitzen zu haben. Ein zwei-, nach 2020 möglicherweise sogar dreimaliger DTM-Champion lässt sich fraglos gut verkaufen.

Was auch für den 33-jährigen Rene Rast gilt: "Durch meine Leistung in den vergangenen Jahren habe ich die besten Chancen, irgendwo unterzukommen. So selbstbewusst muss man sein."

Andreas Reiners / mid