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Playboy, Geschäftsmann, Familienmensch: Gerhard Berger wird 60

Archivartikel

Gespräche mit Gerhard Berger sind selten gleich. Der Österreicher hat immer einen lockeren Spruch parat, er ist humorvoll und man merkt nicht nur durch seinen Schmäh, warum er früher als Lausbub der Formel 1 galt. Mal nimmt er sein Gegenüber hoch, sehr gerne auch die Formel E, oder aber auch sich selbst. Das verschmitzte Lächeln gehört untrennbar dazu. Klar ist: Eine griffige Schlagzeile ist bei einem Interview eigentlich immer dabei.

Doch es gibt auch Themen, bei denen man die ernste Seite kennenlernt. Das Nachdenkliche. Wo man merkt, dass bei ihm nicht alles immer nur Spaß, nicht alles nur Augenzwinkern ist.

Die Antwort kommt dann auch wie aus der Pistole geschossen. Was macht er an seinem 60. Geburtstag an diesem Dienstag: Verstecken oder feiern? "Verstecken", stellt er klar. Und meint das vollkommen ernst.

Er verrät, dass er zufällig herausgefunden hat, dass seine Freundin heimlich eine Party mit Freunden organisiert hat. Ja, tatsächlich: Berger ließ die Party abblasen. "Ich will keine Party. Ich will für zwei, drei Tage mit meiner Familie in Italien sein." Denn die runde "Sechs" ist nichts, an dem er einen großen Spaß hat. Im Gegenteil. Es ist aber eine gute Möglichkeit, den anderen Berger kennenzulernen.

Denn bei der üblichen Frage nach den Wünschen läuft alles auf einen gemeinsamen Nenner hinaus: mehr Zeit. Für sich, aber vor allem mehr Zeit für die Familie. Ja, er mag ein Lausbub, ein Playboy gewesen sein. Doch Berger macht gar keinen Hehl daraus, dass er auf eine Art spießig geworden ist. Das Fürstentum Monaco hat er vor einigen Jahren verlassen, ist in seine Heimat Tirol zurückgekehrt. Dorthin, wo er aufgewachsen ist. Berger, der einstige Draufgänger, ist durch und durch Familienmensch.

Seine Kinder sind dann auch sein größter Sieg, wenn man im Motorsport-Sprech bleiben will, sein größtes Glück, "das Schönste und Wichtigste", wie er betont. Leider hatte er sie noch nie alle zusammen an einem Platz.

Mit seiner Ex-Frau Ana hat er drei erwachsene Töchter, mit seiner jetzigen Lebensgefährtin Helene eine Tochter (5) und einen Sohn (2). "Ich hatte Höhen und Tiefen, Unfälle und Schicksale. Aber das einschneidendste, das schwierigste Erlebnis war die Trennung von meiner damaligen Frau und das Drumherum, das damit zu meistern war, vor allem emotional", sagt Berger: "Das dauert Jahre und zehrt." Und durch die Trennung hat er ein schwieriges Verhältnis zu zwei seiner älteren Töchter. "Da wünsche ich mir, dass es wieder besser wird."

Denn gewisse Ereignisse sorgen automatisch dafür, dass man sich mit der eigenen Sterblichkeit immer öfter konfrontiert sieht. Berger hat 2018 einige Freunde verloren, darunter zum Beispiel Niki Lauda, Charly Lamm oder auch Charlie Whiting. "Das hat mir ziemlich zu denken gegeben. Wenn man in das letzte Drittel seines Lebens einmündet, muss man darauf gefasst sein, dass die Gesundheit nicht mehr so mitspielt. Und da gehört es dann auch dazu, mehr Zeit für sich selbst herauszuholen", sagt er.

Aber er stellt unmissverständlich klar: Einer wie Berger bereut nichts. Auch nicht, dass seine Formel-1-Karriere bei ATS, Arrows, Benetton, Ferrari und McLaren zwar mit zehn Siegen in 210 Rennen und zwei dritten WM-Plätzen dekoriert ist, zwischen 1984 und 1997 theoretisch aber mehr drin gewesen wäre. Er war immer vorne dabei, für ganz vorne, für die Weltklasse, für einen Titel reichte es aber nicht.

"Ich habe immer versucht, beide Seiten der Medaille abzudecken. Die der Disziplin, der Härte des Rennsports. Aber auch den Spaß, das Nachtleben. Man kann damit Rennen gewinnen so wie ich, Weltmeisterschaften aber nicht", weiß Berger. Aber: In der kombinierten Party-Renn-Wertung wäre er weit vorne gewesen. "Wäre es darum gegangen, beide Seiten bestmöglich mitgenommen zu haben, wäre ich wahrscheinlich zehnmaliger Weltmeister. Das wird nur leider so nicht gemessen. Aber die Karriere ist gut so wie sie war. Vor allem: Ich lebe noch. Viele Kollegen haben es nicht geschafft."

Der Kick fehlt ihm heute nicht. Berger: "Zum einen, weil ich körperlich nicht in der Lage wäre, das nochmal zu machen. Und weil ich sonst mit tollen Aufgaben beschäftigt bin."

Denn beruflich läuft es bestens. Berger hat drei Firmen, 500 Menschen arbeiten für ihn. Er war nach seiner aktiven Karriere sowieso umtriebig, er war nicht nur Geschäftsmann, sondern ab 1998 auch Motorsportdirektor von BMW, Teamchef bei Toro Rosso, dazu Vorsitzender einer Kommission des Automobilverbandes. Seit 2017 ist er Chef der Tourenwagen-Serie DTM. Die Fahrer sind voll des Lobes. Landsmann Philipp Eng weiß: "In Österreich ist Gerhard eine absolute Legende, nicht nur aus sportlicher Sicht. Jeder, der an Österreich denkt, denkt auch automatisch an Gerhard Berger und Niki Lauda. Er hat in seinem bisherigen Leben unheimlich viel erreicht, und ich finde, dass er der richtige Mann ist, um das große Schiff DTM zu lenken."

Doch die DTM nimmt viel Zeit in Anspruch. Wie lange will er noch weitermachen als Serienboss? "Ich höre auf, wenn die Hersteller mich nicht mehr wollen", sagt Berger.

Und lacht. Nur ernst geht bei Berger nicht. Auch nicht an seinem 60.

Andreas Reiners / mid