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Ausgesprochenes Image-Problem

Archivartikel

Unser Sprooch is aa a Sprooch", hat ein Mannheimer in einem Projekt des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in den 1980er Jahren gesagt. Bei diesem Projekt, das die Kommunikation in der Quadratestadt untersuchte, wurde deutlich: Scheinbar haben Dialekt-Sprecher das Gefühl, sich für die Mundart rechtfertigen zu müssen. Und auch Dr. Ralf Knöbl vom IDS weiß aus verschiedenen Forschungen: "Der Dialekt hat ein Image-Problem."

Mannheimerisch ist nicht beliebig - es folgt Regeln und ist komplex

Dieses Image-Problem ist aber keineswegs neu. Schon im 18. und 19. Jahrhundert findet man Aufzeichnungen, die den Mannheimer Dialekt als "Barbarey", "hässlich" oder "wüst" bezeichnen, erklärt Knöbl. Wenn man genauer hinschaut, sieht man aber, dass das Mannheimerische nicht beliebig ist. Es folgt bestimmten Regeln und ist durchaus komplex. "Der Dialekt bewahrt althergebrachte Unterscheidungen, die im neuhochdeutschen Standard verloren gegangen sind", sagt Knöbl. "Mannemerisch ist ein komplexes, regelhaftes linguistisches System und nichts Minderwertiges. Im Gegenteil. Historisch gesehen sind die Dialekte die primären Systeme, auf deren Basis sich die Standardsprache entwickelt hat." Das Standarddeutsche hat sich erst langsam mit dem Prozess der Vereinheitlichung des Schriftdeutschen seit dem 15./16. Jahrhundert entwickelt. "Aber schon in der Zeit der langsamen Herausbildung war schriftsprachlich orientiertes Sprechen eine Möglichkeit der sozialen Abgrenzung. Überspitzt könnte man sogar sagen, dass das Hochdeutsche das Lateinische als Sprache der Bildungselite abgelöst hat", führt Knöbl weiter aus.

Heute verwenden Dialekt-Sprecher ihren Dialekt meist in bestimmten sozialen Situationen - aber nicht jeder in den gleichen. "Die einen grenzen sich mit dem Dialekt-Gebrauch nach oben ab, die anderen grenzen sich nach unten ab. Andererseits wird der Dialekt zum Beispiel auch für soziale Kategorisierung und Typisierung verwendet oder um Nähe und Distanz herzustellen", erklärt Knöbl. Viele Menschen nutzen auch, wenn sie mit Freunden oder der Familie sprechen, Dialekt, in der Schule oder bei der Arbeit aber Standarddeutsch. "In der Schweiz zum Beispiel ist es ganz normal, dass man - je nach Kontext - zwischen Dialekt und Standarddeutsch hin und her wechselt, wobei der Dialekt für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen normal und natürlich ist und in den meisten Situationen auch verwendet wird", sagt Knöbl. Und auch für die Mannheimer Bloomaulorden-Trägerin Helen Heberer hat der Dialekt diese Funktion: "Ich benutze den Dialekt da, wo Vertrautheit und Nähe herrscht, wo ich mich wohlfühle, aber auch, wenn ich in Rage bin", sagt sie und fährt fort: "Denn man kann in kaum einer anderen Sprache so herzlich und liebevoll fluchen. Kann man bei ,Dunnerkeidel - du Blinzelbiiene, Stebbegees, du Dibbelschisser, Duggmeiser, du Schdinkschdiffel, isch dreh eisch glei die Grutz rum' böse sein?"

Und doch geht es längst nicht allen Dialekt-Sprechern so. "Das Mannemerische hat ein Prestige-Problem", das hat laut Knöbl auch eine Untersuchung mit kleiner Stichprobe zur Dialektkompetenz und zur Einstellung zum Dialekt unter Mannheimer Gymnasiasten gezeigt, die 2007 durchgeführt wurde. So sagte zum Beispiel eine Teilnehmerin: "Es ist oft so, dass wenn man Dialekt spricht, dass man dumm wirkt." Das Problem, das sich daraus ergibt: Wenn das Sozialprestige des Dialekts fehlt, wird er weniger gebraucht. Wenn der Dialekt weniger genutzt wird, wird er nicht weitergegeben und nach und nach verlernt.

Knöbl würde sich - wie sicherlich viele andere auch - wünschen, dass sich eine "Doppelkompetenz" durchsetzt. "Dass man beides kann und einzusetzen weiß, Dialekt und Standarddeutsch, ist meines Erachtens das Ideal. Das wäre bei einer positiven Haltung zum Dialekt sicher auch lebbar. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Zweisprachigkeit hier durchsetzt, ist leider sehr gering. Das Image ist zu schlecht."

"Dialekt hat viel mit Kindheit, Muttersprache und der Umgebung zu tun"

Für den Dialekt und gegen sein schlechtes Image arbeiten Lokalgrößen wie Bloomaulorden-Trägerin Helen Heberer. Sie nutzt den Dialekt, wirbt für die zusätzlichen Ausdrucksmöglichkeiten und stellt die Bedeutung heraus, die der Dialekt für sie hat: "Dialekt hat viel mit Kindheit, Muttersprache und der Umgebung zu tun, in der man aufwächst, deshalb ist der Mannheimer Dialekt für mich Heimat, Zugehörigkeit, seelische Klangfarbe, er ist Musik und in ihm schlummert auch Zärtlichkeit. Er lebt von weichen, geschmeidigen Lauten, wie goldischi Grott, glääner Grutze, Blinzelbiiene, Liegebeidel oder Babbedeggel. Unser Dialekt enthält besonders viele Begriffe anderer Sprach-Kulturen wie ,isch hab Moores' , ,isch hab's vermasselt' aus dem Jiddischen, oder das wunderbare Wort ,Bodschamber', das für den Nachttopf benutzt wird und vom französischen ,Pot de chambre' kommt. Aber auch wenn wir sagen ,Was e Maleer', oder mir geht's ,miseraawl', hört man den französichen Wortschatz durch."