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"Dialekt ist etwas ganz Wertvolles"

Archivartikel

Christian Chako Habekost setzt den Dialekt auf der Bühne ganz bewusst ein. Dabei versteht sich der Kabarettist und Calypso-Sänger - eher nebenbei - auch als ein "Botschafter für die Mundart". Der gebürtige Mannheimer zeigt, dass man Dialekt auf mehreren Ebenen gebrauchen kann, wenn es um philosophische Gedanken geht genauso wie im Spaß. Er sagt: "Dialekt muss die gesamte Bandbreite abdecken - und dann wird das eigentlich zur richtig vollen Sprache, die eigentlich noch mehr kann als eine Hochsprache." Im Gespräch verrät "Chako", warum genau er den Dialekt so gerne mag - im Privaten wie auf der Bühne.

Was man nicht vermuten würde, wenn man Sie hört: In ihrem Elternhaus wurde Hochdeutsch gesprochen.

Habekost: Das ist korrekt. Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Meine Eltern haben strengstens darauf geachtet, dass Hochdeutsch gesprochen wurde. Meine Mutter kommt aus Berlin und mein Vater ist aus Niedersachsen. Mein Vater war Tänzer und ist dann ans Nationaltheater Mannheim gekommen. Meine Eltern waren relativ geschockt, als sie hierher gekommen sind und den Dialekt gehört haben.

Wie kam es dann, dass der Dialekt heute in Ihrem Leben so eine große Rolle spielt?

Habekost: Ja, so geht's. Was die Eltern net wolln, des machsch dann halt doch. Noch viel mehr, als du es vielleicht sowieso gemacht hättest, wenn sie nichts gesagt hätten. Hab mir des dann auch uff de Gass' g'holt, den Dialekt, und auch gemerkt, dass der zum Überleben in der Schule oder auf dem Spielplatz ein wichtiges Instrument ist. Also wenn du da gesagt hättest auf Hochdeutsch "Lass mich bitte einmal in Ruhe, sonst sage ich es meinem Vater", hosch erscht recht äni in die Gosch ´kriegt als wenn g'sagt hättscht: "Heer, wonn de jetzt net de Balle flach haltscht." "Bloos net die Bagge so uff!" Oder was man noch für schöne Sprüche gemacht hat. Das kommt halt im Dialekt viel cooler und überzeugender rüber. Grundsätzlich ist natürlich schön, wenn man beides kann. Wenn man sich auf zwei Ebenen unterhalten kann. Und dann hab' ich auch gemerkt, dass der Dialekt das beste Mittel ist, um sich in Comedy oder im Kabarett nicht nur pointiert, sondern multidimensional ausdrücken zu können. Und heute haben natürlich auch meine Eltern damit Frieden geschlossen. Wenn der Sohn seinen Lebensunterhalt damit verdienen kann, dann kann das ja so schlimm nicht sein.

Welcher Dialekt ist der Ihre? Schließlich sind sie in Mannheim aufgewachsen und wohnen jetzt auf der anderen Seite des Rheins an der Deutschen Weinstraße.

Habekost: Mannheimer Dialekt gibt es ja in der Form nicht, auch wenn die Mannheimer das nicht so gerne hören. Es gibt natürlich gewisse Ausprägungen, gewisse Wörter, die nur in Mannheim eine Rolle spielen - Bloomaul zum Beispiel. Trotzdem gehört Mannemerisch schon zum großen Sprachraum des Pfälzischen/Kurpfälzischen - und das spricht man oben von Eberbach im Neckartal bis hinten hinein an die saarländische Grenze.

Das führt uns zum nächsten Thema: Akademisch sind Sie ja ein bisschen vorbelastet, was die Sprache betrifft.

Habekost: Ich nenne das meine "akademischen Vorstrafen".

Inwieweit haben Ihr Studium und ihre Promotion zum Sprachwissenschaftler Ihre Sicht auf den Dialekt beeinflusst?

Habekost: Das Studium hat sehr geholfen. Vor allem dabei, sich davon frei zu machen, dass Dialekt etwas Minderwertiges sei. Oder, dass Dialekt etwas ist, über das man in gewissen Kreisen nicht sprechen sollte. Wenn du das Ganze sprachwissenschaftlich behandelst, dann weißt du, dass Dialekt etwas ganz Wertvolles ist. Nicht nur linguistisch, sondern auch soziologisch. Mundart ist Identität, ist Heimat. Es bedeutet, dass Leute sich wohlfühlen, da wo sie leben. Und ich finde, Identität ist was ganz Wichtiges, gerade in Zeiten von zunehmender Migration. Wenn du en Dialekt hoscht, dann ist es auch egal, ob du irgendwann mal aus Syrien gekommen bist oder deine Mutter aus Ghana eingewandert ist. Wenn du einen Dialekt erlernt oder angenommen hast, dann hast du eine Identität des Hierseins, der Heimat.

Aber dennoch hat sich das Image des Dialekts verändert.

Habekost: Ja klar, das wird oft negativ aufgeladen. Gerade der pfälzische Dialekt hat ein ziemlich schlechtes "Leumaul" und das ist uns natürlich bewusst in bestimmten Situationen. Darüber würde ein Bayer oder Schwabe, glaube ich, niemals nachdenken. In Bayern und Schwaben hat der Dialekt eine dermaßen coole Selbstverständlichkeit, dass da viel freier mit umgegangen wird. Da ist es okay, wenn der Betriebsrat oder der Vorstandsvorsitzende schwäbisch was raus haut. Das Pfälzische hat dagegen immer so einen Hang von "Er kann halt nicht richtig sprechen." Was natürlich Quatsch ist, denn er kann ja seinen Dialekt.

Also würden Sie sich wünschen, dass der Dialekt wieder selbstverständlicher gesprochen wird?

Habekost: Ja, und es liegt an uns selbst. Es liegt an den Dialekt-Sprechern, wann die das machen, wie die das machen, wann sie es verstecken, wann nicht. Uns Pfälzern und Kurpfälzern fehlt da , wie ich immer sage, die gesunde "Selbst-Bewusstlosigkeit".

Warum, finden Sie, gehört der Dialekt auf die Bühne?

Habekost: Dialekt ist einfach eine emotionale Sprache. Im Theater oder auf der Bühne, wo du nichts anderes hast als deine Sprache, ein paar Grimassen und ein paar gestikulierende Hände dazu, willst du natürlich so schnell wie möglich oder so viel wie möglich Emotion hervorrufen. Und da passt der Dialekt am besten. Du kannst mit wenigen Worten viel schneller Sachen ausdrücken als im Hochdeutschen. Beispiel: "Sei jetzt bitte endlich einmal ruhig!" - "Halt die Gosch!" "Sei jetzt bitte einmal ernst!" "Mach kä Ferz!" "Was hast du gesagt?" "Hä?" "Los komm, nun mach schon!" "Hopp!" Dadurch sparen wir extrem viel Zeit. Mit dieser gewonnenen Freizeit müssen wir etwas konstruktives anstellen. Und deswegen gibt es bei uns so viele Weinfeste.

Gibt es bestimmte Ausdrücke oder sprachliche Anekdoten, mit denen Sie die meisten Lacher erzielen?

Habekost: Man schnappt immer neue Sachen auf. Man muss halt auch mit offenen Ohren durch die Welt laufen. Das Beste hab' ich mir immer irgendwo mitbekommen, wenn ich auf einem Weinfest war oder irgendwo unter Leuten. Das ist halt das Tolle an unserer Mentalität. Sprache ist natürlich immer auch ein Ausdruck von Mentalität. Also die Sprache prägt die Mentalität und umgekehrt. Und Pfälzer und Kurpfälzer sind einfach von Natur aus ein bisschen satirisch drauf. Da sitzt immer irgendwo der Schalk im Nacken. Irgendein kleiner Gag wird immer rausgehauen. Das wunderbare Ritual des "uzens", sich gegenseitig auf die Schippe nehmen. Das ist ja immer da. Es vergeht ja kaum ein Austausch von Worten ohne, dass so ein bisschen was Verschmitztes dabei ist. Und das macht es natürlich für einen Comedian einfach, da Sachen aufzuschnappen.