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Mannheims neue Arbeiterklasse

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Durch punktgenau wechselnde Text- und Bildmotive könnten Lastwagen künftig zu weitaus lukrativeren Werbeträgern auf deutschen Straßen werden. Dazu möchte Andreas Widmann Brummis mit ePaper-Displays ausrüsten und die digitalen Werbeflächen zentral und in Echtzeit verwalten. Mit dieser Idee hat der Informatikstudent den Mannheimer Existenzgründerpreis 2017 gewonnen. Im Mannheimer Mafinex Technologiezentrum hat der Jungunternehmer die Firma RoadAds interactive gegründet.

Mafinex ist eines von acht Gründungs- und Kompetenzzentren in Mannheim auf 28 000 Quadratmetern Gesamtfläche. Beheimatet sind hier aktuell knapp 300 junge Unternehmen und knapp 1000 Beschäftigte. Das Branchenspektrum reicht von Musik-, Kreativ- und Modewirtschaft bis hin zu Informationstechnik, Medizintechnik und Technologie. Die städtische Wirtschafts- und Strukturförderung hatte schon in den 1990er Jahren die Förderung von Existenzgründungen zu einem ihrer Tätigkeitsschwerpunkte erklärt. Eine Analyse zur "Entwicklung einer neuen wirtschaftspolitischen Strategie" für Mannheim empfahl dann im Jahr 2010 eine Konzentration auf die Schwerpunkte Kreativwirtschaft und Medizintechnologie. Mit der im Juli 2016 beschlossenen Konzeption "Gründer- und Innovationsstadt" wurde schließlich die Zielsetzung ausgegeben, die Quadratestadt zu einer der führenden Start-up Citys in Deutschland und Europa zu machen. Seit Anfang 2017 steht die mannheimer gründungs- zentren gmbh (mg:gmbh) mit ihrer Dachmarke "Startup Mannheim" für die Mannheimer Gründungsförderung. Ziel ist es nach eigenen Angaben, mit Beratungsleistungen sowie unterstützenden Einrichtungen "optimale Rahmenbedingungen" zu schaffen - im Startup-Vokabular ist von Inkubatoren, Acceleratoren, Co-Working Spaces und Netzwerken die Rede. Hinzu kommen finanzielle Förderprogramme wie der mit 1,65 Millionen Euro ausgestatteten Beteiligungsfonds Wirtschaftsförderung Mannheim sowie das Zuschussprogramm Kreatech für Klein- und Kleinstunternehmen aus der Kreativwirtschaft oder Technologiesparte. Das Engagement für Startups spiegelt sich positiv in der Statistik wider: So gab es in Mannheim im Jahr 2016 7,7 Neugründungen je 1000 Einwohner. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg waren es im gleichen Zeitraum nur 6,2.

Movilizer ist schon eine echte Erfolgsstory

Mit dem Unternehmen Movilizer kann die Stadt auf eine echte Erfolgsstory verweisen. Gegründet vor elf Jahren unter dem Namen "Movilitas" im Mafinex-Technologiezentrum wurde der Hersteller von cloud-basierten Unternehmensanwendungen im Bereich Mobile Business kontinuierlich durch die städtische Wirtschaftsförderung unterstützt und 2016 vom US-Konzern Honeywell übernommen.

"Die Stadt hat schon vor Jahren das Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft als besonders prägenden Teil der wissensbasierten Ökonomie als Motor des Strukturwandels erkannt und sehr konsequent auf deren Förderung gesetzt", sagt Frank Zumbruch, Leiter Creativ Commission Mannheim. Heute spreche man gerne von "Mannheims Neuer Arbeiterklasse". Gemeint sind damit Akteure, die sich mit der Schaffung und Produktion oder mit der Verbreitung von Dienstleistungen und Gütern innerhalb der elf Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft befassen. Um de- ren Belange kümmert sich die Creativ Commission Mannheim. Das fünfköpfige Team berät Kreative, vermietet Arbeitsräume, knüpft Netzwerke, vermittelt geeignete Förderprogramme und hilft bei der Suche nach passenden Produktionspartnern und Locations. Unter dem Dach der Creative Commission als Abteilung der mg:gmbh vereinen sich seit diesem Jahr das Kompetenzfeldmanagement Kultur- und Kreativwirtschaft, die drei Kreativwirtschaftszentren Altes, C-HUB und Textilerei sowie die Film Commission Nordbaden. "Der Fokus liegt in den kommenden Jahren vor allem in den Teilbranchen Design und Bewegtbildkommunikation", berichtet Zumbruch.

Die Music Commission Mannheim ist für die Nachwuchsförderung, das Clustermanagement Musikwirtschaft und den Musikpark Mannheim zuständig. Die Ansiedlung eines Media Campus mit Studios, Proberäumen, Büros und weiteren Serviceeinrichtungen für die Musik- und Fernsehwirtschaft soll zu einem zentralen Aufgabenbereich in den kommenden Jahren werden. Ganz aktuell hat die Music Commission mit dem "Guitar Summit" die größte Gitarrenmesse Europas in den Mannheimer Rosengarten geholt. Auf einer Gesamtfläche von 25 000 Quadratmetern präsentieren sich vom 8. bis 10. September 2017 rund 200 Aussteller.

Entscheidendes tut sich in diesem Jahr im Bereich Medizintechnologie. Am 28. März fiel mit dem Ersten Spatenstich der Startschuss für die Errichtung des Mannheim Medical Technology Campus (MMT-Campus). "Die Konzentration auf einen Campus in unmittelbarer Nachbarschaft zum Universitätsklinikum Mannheim eröffnet einzigartige Chancen zur engen Verzahnung von Forschung, Klinik und Medizintechnologie-Unternehmen", sagt Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. Akteure aus Industrie, Klinik und Forschung sollen dort gemeinsam Medizinprodukte schneller, effizienter sowie am klinischen Versorgungsbedarf ausgerichtet entwickeln und vermarkten. Die Konzeption des Fachbereichs für Wirtschafts- und Strukturförderung sowie des Clusters Medizintechnologie der Stadt Mannheim umfasst in der ersten Entwicklungsphase vier Gebäude mit Büro-, Werkstatt- und Laborflächen. In der zweiten Entwicklungsphase sieht die Konzeption Flächen für den weiteren Ausbau von medizinischer Forschung und Lehre vor.

International beachtete Metropole für Medizintechnik

Herzstück des MMT-Campus ist das Business Development Center Medizintechnologie "Cubex One". Dort werden rund 3500 Quadratmeter Büro-, Werkstatt- und Laborfläche für Unternehmensgründungen, kleine und mittlere Unternehmen sowie Partner in Verbundforschungsvorhaben entstehen. Die Fertigstellung des ist für 2020 geplant.

In den vergangenen Jahren wurden im Bereich Medizintechnologie bereits Clusterstrukturen und Förderprogramme aufgebaut. Außerdem wurde Anfang 2015 auf dem Campus der Universitätsmedizin Mannheim das Gründungs- und Kompetenzzentrum Medizintechnologie Cubex 41 mit einem Experimental-OP eröffnet. Dort arbeiten die Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie (PAMP) der Fraunhofer-Gesellschaft und die Partner des BMBF-Forschungscampus Mannheim Molecular Intervention Environment (M²OLIE) sowie verschiedene Start-ups und Unternehmen bereits unter einem Dach zusammen.

Der Cluster Energie, Mobilität/Logistik und Produktion beschäftigt sich mit Innovationen in den Bereichen energieeffiziente Quartiersentwicklung, Smart Grids und Elektromobilität. Die Konversion der ehemaligen Militärflächen soll eine entscheidende Rolle bei der aktiven Gestaltung der Energiewende und Umsetzung der Klimaschutzziele erfüllen. Auf der Konversionsfläche Benjamin Franklin Village soll etwa ein Modellquartier für Energieeffizienz, intelligente Netze und vor allem auch Elektromobilität entstehen. In einem Green Logistic Park sollen außerdem Waren am Rande des Stadtgebietes auf kleinere mit alternativen Antriebstechnologien betriebene Lkw umgeladen werden, um die starke Verkehrs- und die hohen Umweltbelastungen in der Stadt zu reduzieren. Das Vorhaben kann derzeit jedoch nicht umgesetzt werden, da die hierfür vorgesehene Konversionsfläche Coleman zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt wird. Geplant ist zudem ein Konzept zur Versorgung der gesamten Stadt mit integrierten Lademöglichkeiten für E-Fahrzeuge.

Vernetzt in die Zukunft: Hotspot für Industrie 4.0

Die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 stehen schließlich im Mittelpunkt des Netzwerks Smart Production. Ziel der Initiative ist es, den digitalen Wandel zu begleiten und diesen aktiv mitzugestalten. Das derzeit größte Projekt innerhalb des Netzwerks ist die Entwicklung eines Smart Factory Demonstrators. Derzeit wird dieser im Mafinex-Technologiezentrum aufgebaut. Der Demonstrator soll in wenigen Produktionsschritten einen funktionstüchtigen Sensorwürfel herstellen, der mit jeder Augenzahl andere Werte ermitteln kann. Der kleine Sensor-Würfel erfüllt wiederum alle Anforderungen, um selbst als Komponente in "Industrie 4.0-Produktionsanlagen" eingesetzt zu werden. Es geht es aber nicht allein um das Produkt, sondern vielmehr um die nahtlose Zusammenarbeit der Komponenten verschiedener Hersteller sowie um die Prozessüberwachung und -steuerung.