Bilfinger

Bilfinger Aufsichtsrat erregt mit Forderung nach Schadenersatz bundesweit Aufsehen / „Tiefergehende“ Prüfung nötig / Aktionärsvertreter kritisieren Verzögerung

Ex-Vorstände sollen Millionen zahlen

Archivartikel

Mannheim.Es ist ein Donnerschlag. Im Februar entscheidet der Bilfinger-Aufsichtsrat, von zwölf Ex-Vorständen Schadenersatz einzufordern. Auf stolze 100 Millionen Euro beläuft sich der angenommene Schaden. Nicht nur die Dimension der Forderungen erregt bundesweit Aufsehen, sondern auch der prominente Name Roland Koch: Der frühere hessische Ministerpräsident führte den Mannheimer Konzern von 2011 bis 2014 – und ist einer der Beschuldigten.

Den Vorständen werden vor allem Pflichtverletzungen bei der Einführung eines ordnungsgemäßen Compliance-Management-Systems vorgeworfen. Das ist ein Regelwerk, das der Vorbeugung und Aufdeckung von interner Korruption dient. In der Vergangenheit wurden mehrfach Schmiergeldzahlungen von Bilfinger-Mitarbeitern in Nigeria und Brasilien bekannt.

Roland Koch reagiert mit „Befremden“ auf den Beschluss des Aufsichtsrates, „gegen ganze Generationen von früheren Bilfinger-Vorständen aktiv zu werden“. Koch sei sich keinerlei Schuld bewusst, lässt er seinen Sprecher erklären, und verweist auf das Fehlen konkreter Vorwürfe.

„Eiertanz des Gremiums“

Allerdings ist der Aufsichtsrat inzwischen offenbar vorsichtiger geworden mit seinen Anschuldigungen gegen die Vorstände, die zwischen 2006 und 2015 Bilfinger führten. Nach einem ersten Gutachten, auf dem die Entscheidung im Frühjahr basiert, wird ein weiteres in Auftrag gegeben. Und dieses zweite Gutachten sieht nach Informationen des „Manager Magazin“ die Sache nicht ganz so klar. Möglicherweise könnten die Pflichtverletzungen bei einem Teil der Vorstände, darunter auch Koch, doch nicht so einfach nachgewiesen werden.

Ein Bilfinger-Sprecher erklärt auf Nachfrage, die Vorwürfe würden „durch den Aufsichtsrat tiefergehend geprüft, nachdem ein sehr ausführliches Gutachten zu dem Schluss kam, dass grundsätzlich Ansprüche entstehen“. Sachverhalt und Vorwürfe seien sehr komplex, „deshalb ist Sorgfalt gefragt – auch bei der Frage, wen möglicherweise Schuld trifft und welche Schadensbeiträge den Vorstandsmitgliedern kausal zuzurechnen sind“, so der Sprecher. Der Aufsichtsrat nehme die Angelegenheit sehr ernst. Anlegervertreter Marc Tüngler gibt sich mit diesen Aussagen aber nicht zufrieden. Ihm dauert die Prüfung viel zu lange. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz spricht sogar von „Entscheidungsunfähigkeit“ und einem „Eiertanz“ des Kontrollgremiums. Tüngler droht, deshalb einen eigenen Gutachter einzusetzen – im Auftrag der Anleger. Dieser sollte die Ansprüche auf Schadenersatz prüfen – aber auch, ob der Aufsichtsrat angesichts der Verzögerungen selbst Pflichten verletzt habe.

Keinerlei Zweifel gibt es daran, dass vor allem die Bestechungsfälle in Nigeria den Konzern teuer zu stehen gekommen sind. Vor allem weil sich US-Behörden einschalteten. In den USA werden Korruptionsvorwürfe verfolgt, sobald ein Unternehmen Geschäfte im Land macht – Bilfinger erwirtschaftet dort 16 Prozent seines Umsatzes. Die Mannheimer mussten nicht nur 32 Millionen Euro Strafe zahlen, sondern auch eine Abmachung mit dem amerikanischen Justizministerium treffen.

Den Mannheimern wurde eine Art Aufpasser, ein Monitor zur Seite gestellt. Seine Aufgabe: zu überprüfen, ob Bilfinger intern ein funktionierendes Compliance-System zum Schutz gegen Bestechung aufgebaut hat. Bezahlt wurde der Monitor vom Unternehmen. Seine Überwachung sollte eigentlich 2016 enden, doch Monitor Mark Livschitz war nicht zufrieden. Die Folge: Livschitzs Mandat wurde verlängert. Für den Vorstand um den Vorsitzenden Tom Blades bedeutete das jede Menge Aufwand, etwa regelmäßige Reisen nach Washington. 30 Prozent über ihrer eigentlichen Arbeitszeit Zeit hätten sich die Spitzenmanager mit Compliance befasst.

Vor Kurzem nun die erlösende Nachricht für Bilfinger: Der Kontrolleur ist zufrieden, die jahrelange Überwachung im Namen der US-Justiz ist zu Ende. Und der Vorstand hat wieder mehr Zeit, um sich um seine eigentlichen Aufgaben zu kümmern. Und die sind nicht ohne, geht es doch darum, Bilfinger aus langer Krise und erfolgreicher Stabilisierung wieder auf den Pfad des Wachstums zu führen . . .

Info: Mehr zu Bilfinger unter morgenweb.de/bilfinger

Zum Thema