Bilfinger

Serie Der ehemalige Ministerpräsident Hessens und Ex-Vorstandschef von Bilfinger ist jetzt Wirtschaftsanwalt / "Sie finden einen fröhlichen, ausgeglichenen Menschen vor sich"

Roland Koch

Archivartikel

Frankfurt.Zwischen Fachbüchern finden sich Andenken an seine Zeit als hessischer Ministerpräsident, darunter zwei gerahmte Füllfederhalter. Damit hatte Roland Koch die zwei Koalitionsverträge mit der FDP unterschrieben. Vor ihm steht - wie immer - ein Glas Cola, anders als früher die kalorienarme Variante. Äußerst entspannt empfängt Koch zum Interview in seiner Kanzlei im Frankfurter Westend. Seine Sekretärin führt in den hellen Konferenzraum mit roten Lederstühlen.

Herr Koch, bei dem Hin und Her um eine neue Bundesregierung, juckt es Sie nicht in den Fingern, als Verhandler auszuhelfen?

Roland Koch: Ich bin ein politisch interessierter Mensch geblieben, deshalb ist mein emotionales Miterleben immer noch groß. Aber da ich 2005 und 2009 über Tage und Nächte hinweg die Koalitionsverhandlungen im Bund mitverhandelt habe und mehrfach bei Verhandlungen über den Bund-Länder-Finanzausgleich dabei war, habe ich keine Sehnsucht nach solchen Zeiten mehr. Ich kann gut nachvollziehen, in welcher Situation die Kollegen bei den Jamaika-Sondierungen waren. Und ich habe sehr bedauert, dass die FDP aus dem Raum gelaufen ist.

Sie wünschten sich eine Koalition von Union, Grünen und FDP?

Koch: Ich habe sehr früh gesagt, dass ich große Bedenken gegenüber einer dauerhaften großen Koalition von Union und SPD habe. Ich glaube, dass das die kleinen Parteien am Rand mit ihren radikalen Botschaften stärker macht. Ich sehe jetzt auch keinen Anlass, diese Einschätzung zu korrigieren.

Was ist Ihr Rat, um nach den geplatzten Jamaika-Sondierungen ein neues Debakel zu vermeiden?

Koch: Ich glaube, dass man in solchen Gesprächen kein Vertrauen schafft, wenn man alle zwei Stunden die Presse informiert. Ich würde den Beteiligten raten, schließt euch eine Woche im Landhotel irgendwo ein und kommt erst wieder raus, wenn ihr euch geeinigt habt. Und dazwischen gibt es keine Presseerklärungen - auch wenn das in Zeiten von Twitter kaum noch möglich ist.

Sind Sie erleichtert, so einem öffentlichen Druck nicht mehr ausgeliefert zu sein?

Koch: Mit dem Wort Erleichterung bin ich sehr vorsichtig. Ich habe das ja wirklich gerne gemacht. Ich war der festen Überzeugung, wenn man sechs Jahre Oppositionsführer und elf Jahre Ministerpräsident war - dann ist es auch gut. Ich habe bei meinem Politikstil Wert darauf gelegt, dass die Kontroversen sichtbar werden. Aber dabei muss man aufpassen, dass keine Abnutzung daraus wird. Das habe ich vermeiden können. Außerdem habe ich auch seitdem ein so spannendes Leben, dass ich es gut finde, dass es mir gelungen ist, in diese andere Welt der Wirtschaft zu kommen.

Wie sieht jetzt Ihr Arbeitsleben als Rechtsanwalt aus? Vor Gericht sieht man Sie aber nicht?

Koch: Ich sage jetzt spaßeshalber, da liegt eine Robe im Schrank, damit könnte ich notfalls zu Gericht gehen. Aber für Prozessjustiz fehlt mir nach der langen Zeit die berufliche Erfahrung. Ich konzentriere mich sehr stark auf den Umgang mit Regulierungssystemen, also mit den Vorschriften, an die sich speziell Unternehmen halten müssen. Ich sehe mich nicht als Lobbyist, sondern als jemand, der die Wirtschaft berät, wie Politik sich wahrscheinlich in Zukunft verhalten wird und wie man sich darauf einstellt.

Was heißt das?

Koch: Ich berate Unternehmen, wie sie sich korrekt verhalten und dabei ihre unternehmerischen Ziele vernünftig erreichen können. Das tue ich sowohl als Anwalt, als auch in meiner Lehrtätigkeit bei der Frankfurt School of Finance und als Aufsichtratsvorsitzender der UBS Europe oder im Aufsichtsrat von Vodafone. In der Telekommunikation kann man zum Beispiel ohne staatliche Erlaubnis keine neue Funkfrequenz anbieten, und eine Bank muss einen intensiven Austausch mit der Bankenaufsicht führen.

Und die Kanzlei läuft gut?

Koch: Ich bin sehr zufrieden.

Aus finanziellen Gründen müssten Sie ja nicht arbeiten, Sie haben bei Bilfinger Millionen verdient.

Koch: Meine Frau und ich könnten gut von meiner Pension aus meiner Zeit beim öffentlichen Dienst leben, die könnte ich theoretisch seit meinem 55. Lebensjahr in Anspruch nehmen. Das mache ich aber nicht, denn mir macht das, was ich tue, viel Freude. Ich habe das große Glück einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit und kann mir aussuchen, was ich mache. Sie finden einen fröhlichen, ausgeglichenen Menschen vor sich.

Sie sind 2011 zu Bilfinger gewechselt und mussten nach drei Jahren als Vorstandschef gehen. Die Zerschlagung des Konzerns haben Sie damals schon vorhergesagt.

Koch: Das ist so, durch den Verkauf der Gebäudesparte hat sich vieles verändert. Bilfinger muss sich jetzt auf die beiden immer noch in der schwachen Konjunktur befindlichen Bereiche konzentrieren. Das war ja der Ausgangspunkt der Diskussion, an der ich beteiligt war: Ob man den Atem haben will, um durch diese Krise durchzukommen. Ich glaube, die Kollegen, die dort arbeiten, versuchen das Allerbeste. Dass es den Investoren (der Investmentfonds Cevian, Anmerkung der Redaktion) nicht so leicht fällt, das Problem zu lösen, wird man sicher auch feststellen dürfen.

Wie sehen Sie aktuell die Situation von Bilfinger?

Koch: Ich bin immer noch Aktionär und schaue aus dieser Perspektive auf das Unternehmen. Viele Details kenne ich nicht mehr. Ich habe als Vorstandsvorsitzender geglaubt, dass Bilfinger als einziger deutscher Konzern die Chance hatte, in die Elite von internationalen Serviceunternehmen für große Industrieanlagen und Gebäude aufzusteigen. Diese Idee ist nun vorbei. Natürlich haben die Turbulenzen auf den Energiemärkten den Weg dorthin sehr viel länger gemacht. Den Investoren war diese Durststrecke zu lang.

Macht ihr Nach-Nachfolger Tom Blades seine Sache gut?

Koch: Da bin ich der Falsche, um das zu beurteilen. Ich höre aber nur Gutes von ihm. Bilfinger ist jetzt etwas anderes, als es einmal war. Das respektiere ich, aber es war halt nicht meine Strategie. Sicher ist, Bilfinger hat nach wie vor großes Potenzial. Komplexe Aufgaben anzugehen, ist die Stärke, wenn auch jetzt auf einem niedrigeren Niveau.

Es hieß, Sie seien am eigenen Ehrgeiz gescheitert, hätten zuviel auf einmal angepackt. Stimmt das?

Koch: Ach, wissen Sie, aus meiner Sicht hat es nach einigen Jahren keinen Sinn, jedes Detail nachzuarbeiten. Ich bleibe dabei: Ich hatte eine strategische Überlegung, die war nicht ohne Ambitionen. Da braucht man Geduld, die hatten die Investoren nicht, denen das Unternehmen am Ende aber gehört. Es hatte einfach nicht mehr zusammengepasst, dann war es aus meiner Sicht für mich und das Unternehmen richtig, das zu respektieren.

Sie ernteten viel Häme. Wie kamen Sie damit zurecht?

Koch: Gehen Sie mal davon aus, dass das schwere Verletzungen waren. Ich bin mit sehr ehrgeizigen Zielen zu Bilfinger gewechselt und musste aufgeben, bevor diese Ziele erreicht waren. Das ist selbst für Menschen mit viel Selbstdisziplin hart. Und es stellte sich natürlich die Frage, was ich danach mache. In dieser Situation war es nicht selbstverständlich, dass die Eigentümer von UBS wollten, dass ich Aufsichtsratsvorsitzender bleibe. Dadurch habe ich gesehen, dass es noch eine Resonanz gibt.

Wie ging es dann weiter für Sie?

Koch: Als das Angebot von Vodafone für eine Zusammenarbeit kam, war das auch öffentlich ein wichtiges Signal. Es brachte den Wendepunkt, dafür bin ich heute noch dankbar. Ich habe dann die Kanzlei eröffnet. Jetzt bin ich dort, wo ich im Alter jenseits von 60 immer sein wollte. Ich hatte auch Glück, dass ich trotz allem an diesen Punkt gekommen bin, wenn auch früher als geplant. So ist auch der Blick zurück weniger verkrampft oder böse. Die Wunden sind verheilt, nicht ohne Narben, aber ohne andauernd zu schmerzen.

Sie hatten sich als Politiker belauert gefühlt. Sind Sie jetzt freier?

Koch: Ich kann mich hier in Frankfurt wieder frei bewegen. Das ging vorher nicht. Wenn Sie in einem Regierungsamt sind, müssen Sie jede Sekunde gewärtigen, dass etwas passieren kann und Sie eingreifen müssen. Das führt zu einem hohen Maß an Anspannung, das gibt es außerhalb der politischen Verantwortung nicht. Ich halte mich heute sehr zurück. Auch die Zahl der Gespräche wie dieses hält sich in Grenzen - sonst heißt es gleich, der Koch plant sein politisches Comeback.

In der Serie „Was macht ...?“ stellt der "Mannheimer Morgen" jeden Donnerstag Persönlichkeiten oder Phänomene vor, die noch vor einigen Jahren bekannt waren, aber zwischenzeitlich nicht mehr so stark in der Öffentlichkeit gegenwärtig sind. Die Texte finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, regelmäßig in allen Ressorts dieser Zeitung.

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