Coronavirus

Corona und kein Plan? Gewerkschaft sieht Probleme vor Schulstart

Archivartikel

Stuttgart.Zu wenige Lehrkräfte, mangelhafte Technik, unrealistische Hygieneregeln: Es sind nur noch wenige Tage bis zum Ende der Sommerferien, aber die Bildungsgewerkschaft GEW sieht die Schulen im Südwesten immer noch schlecht gewappnet für den Unterricht unter Corona-Bedingungen. Eines der größten Probleme: Wegen des Lehrermangels und der Corona-Risikogruppen fehlten derzeit so viele Lehrkräfte wie noch nie in den Klassenzimmern, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz am Montag in Stuttgart. Voraussichtlich könnten sechs Prozent der Lehrkräfte mit Attest und weitere drei Prozent Schwangere nicht im Präsenzunterricht sein.

Und das ist aus Sicht der GEW längst nicht alles. Eine Umfrage unter Lehrkräften aller Schularten offenbare unter anderem einen hohen Nachholbedarf bei der Digitalisierung, sagte Moritz. Demnach bewerteten 67 Prozent der Befragten die technischen Voraussetzungen an den Schulen als mittelmäßig bis sehr schlecht.

Eine weitere Befragung nur unter Schulleitungen aller Schularten in Baden-Württemberg ergab den Angaben zufolge, dass trotz deutlich verschärfter Hygieneregeln nur an wenigen Schulen die Putzkolonnen aufgestockt wurden. Demnach gaben 80 Prozent der Leiter an, dass kein zusätzliches Reinigungspersonal von den Kommunen als Schulträger bereitgestellt worden sei. An knapp 20 Prozent der befragten Schulen gibt es laut Umfrage zusätzliches Personal, um die Hygiene-Auflagen durch die Corona-Verordnungen umzusetzen.

Einige dieser Auflagen hätten noch dazu wenig mit der Realität zu tun. Schüler müssten etwa Masken im Schulbus und auf dem Pausenhof tragen, nicht aber im Unterricht. «Wie vermitteln wir Schülern da eine klare Linie»?, fragte Moritz. Ein weiteres Beispiel: das Thema Lüften. Mehrmals täglich sei «eine Querlüftung bzw. Stoßlüftung bei vollständig geöffneten Fenstern» vorzunehmen, zitierte Moritz aus den Hygienehinweisen für die Schulen. «Kein Klassenzimmer hat auf beiden Seiten Fenster», sagte Moritz. Die Lehrer müssten sich stets mit ihren Nachbarn absprechen - das sei völlig unrealistisch.

Moritz dämpfte vor diesem Hintergrund allzu hohe Erwartungen, dass im kommenden Schuljahr mit einem Regelbetrieb an den 4500 Schulen im Land zu rechnen sei. Sie forderte, dass die Landesregierung schnell einen Nachtragshaushalt beschließt, um die Schulen personell zu unterstützen. Außerdem mahnte sie verbindliche Absprachen mit den Schulträgern zum Schutz von Schülern und Lehrern an.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte sich in den vergangenen Wochen ein Bild von der Situation zum Beginn des Schulbetriebs nach den Ferien gemacht. Dazu hatte sie zwei Umfragen durchgeführt: eine zwischen Mitte Juli und Mitte August, an der sich nach Gewerkschaftsangaben mehr als 4000 Lehrkräfte beteiligt hatten, und eine in den ersten Septembertagen nur unter Schulleitungen aller Schularten in Baden-Württemberg mit 242 Teilnehmern.

Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Andreas Stoch, teilte die Kritik der GEW-Chefin an der Schuljahresplanung von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). «Mit den vorhandenen Ressourcen wird es schwierig, die teils widersprüchlichen Vorgaben umzusetzen», teilte Stoch mit. «Es fehlen Lehrerinnen und Lehrer im Präsenzunterricht und wahrscheinlich auch eine Menge Neueinsteiger für das Schuljahr 2020/21.» Er forderte 1000 zusätzliche Lehrkräfte vom Land.

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