Coronavirus

"Es geht um Menschenleben" - Polizeikontrollen gegen das Virus

Archivartikel

Stuttgart.So richtig verstehen kann Alisa Scetinina das alles nicht. Sie steht mitten in der Parkanlage Leipziger Platz im Stuttgarter Westen, die Arme vor der Brust verschränkt. Es hat 19 Grad, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Frühling in Stuttgart, wie er schöner nicht sein könnte. Und dennoch muss Alisa Scetinina nun gehen. Mehrere uniformierte Polizisten stehen vor ihr und warten, dass sie mit ihren Freunden die Decken, Bücher und Getränke im Gras zusammenräumt. Drei Stunden lag sie auf der Wiese, jetzt soll sie zurück nach Hause in ihre WG. "Aber man braucht doch auch die Sonne, um gesund zu bleiben", sagt sie. Da hilft auch kein freundlicher Protest. Alisa Scetinina packt zusammen.

Das Coronavirus geht um in Deutschland - und damit bei vielen auch die Angst. Mit drastischen Maßnahmen versucht der Staat, die Pandemie einzudämmen und die Infektionsketten zu unterbrechen. Die Menschen sollen soweit wie möglich auf soziale Kontakte verzichten. Doch angesichts des traumhaften Frühlingswetters missachten viele Menschen im Land weiterhin die Einschränkungen. Sie sitzen in Cafés und in Parks und genießen die Sonne - und riskieren damit noch größere Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann droht am Donnerstag bei einer Sondersitzung des Landtags mit einer Ausgangssperre. Die wolle man zwar vermeiden, sagt der Grünen-Politiker. Aber wenn sich die Bürger nicht an die neuen Regelungen hielten, werde das Ausgangsverbot kommen. "Wenn nicht alle ihr Verhalten grundlegend umstellen, dann kommen wir um härtere Maßnahmen und Sanktionen nicht herum."

Die Sicherheitsbehörden stoßen bislang auf viel Unvernunft. Die Freiburger Polizei muss in der Nacht zum Donnerstag mehrfach wegen sogenannter Corona-Partys ausrücken. Vor allem Jugendliche und Heranwachsende hätten sich zum Beispiel auf Grill- und Spielplätzen getroffen, teilte das Präsidium mit. "Die Polizei wird hart durchgreifen", droht Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Donnerstag. Verstöße gegen die neue Verordnung seien "keine Kinkerlitzchen, sondern eine rechtswidrige Tat".

Im baden-württembergischen Innenministerium gibt es laut einem Sprecher "erste Überlegungen", wie eine Ausgangssperre im Land gehandhabt werden könnte. Die einzelnen Verwaltungsbereiche "denken über den nächsten Schritt nach", sagt ein Sprecher am Donnerstag. "Im Moment hat man nicht den Eindruck, dass alle verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat." Immer noch hielten nur wenige Menschen die nötige Distanz in der Öffentlichkeit.

Deshalb schreitet die Polizei auch ein. Am Donnerstag wollen sie zuerst auf dem Stuttgarter Marienplatz Kontrollen durchführen. Doch dort ist im Vergleich zum Wochenende nicht mehr viel los. Dann ziehen sie um zur Parkanlage Leipziger Platz. Hier genießen mehrere Dutzend Stuttgarter die Sonne am späten Nachmittag, sie sitzen in kleineren Grüppchen zusammen auf ihren Decken, trinken Bier, unterhalten sich. Mal zwei, mal vier, mal fünf Personen.

Doch um 16.20 Uhr marschieren ein Dutzend uniformierte Polizeibeamte ein und unterbrechen die Idylle. "Wir möchten Sie bitten, den Platz zu räumen und nach Hause zu gehen", sagt ein Beamter freundlich zu zwei jungen Frauen, die mit ihren Kleinkindern auf der Decke sitzen. "Menschenansammlungen sind nicht gestattet." Eine Mutter reagiert mit Unverständnis. "Das heißt, ich darf nicht mehr mit meinen Kindern in den Park?", fragt sie. Widerwillig packt sie zusammen.

Ein paar Meter weiter räumt Alisa Scetinina mit ihren Freunden das Feld. Die 25-jährige Balletttänzerin ist von der Corona-Krise gleich in mehrfacher Hinsicht getroffen. Sie arbeitet als freiberufliche Künstlerin - und wegen abgesagter Veranstaltungen brechen ihr Auftritte weg. "Alle meine Gigs sind abgesagt", erzählt sie. Außerdem arbeite sie als Aushilfe in der Gastronomie - auch auf diesen Erwerb muss sie nun verzichten. Nun auch noch das Freizeitvergnügen im Park. "Das ist das einzig schöne grüne Eck im Stuttgarter Westen", sagt sie. Sie nehme die Pandemie zwar ernst. Aber es sei doch komisch, dass sie den Park verlassen müssten, aber Restaurants weiter geöffnet seien. Persönlich mache sie sich keine Sorgen, sich anzustecken. "Ich habe ein starkes Immunsystem."

"Wo Menschen zusammenkommen, müssen wir leider einschreiten", erklärt Einsatzleiter Carsten Höfler nach der Aktion im Park. Das mache die Polizei auch nicht gerne. Aber die Lage sei ernst. Viele Menschen hätten das immer noch nicht verinnerlicht. "Die Gefahr ist surreal - man kann sie nicht riechen, nicht schmecken. Das ist vielleicht der Trugschluss" sagt Höfler. "Es geht um die Rettung von Menschenleben."