Coronavirus

Gewerbetreibende entwickeln neue Geschäftsideen

Archivartikel

Gewerbetreibende in der Region müssen in Zeiten der Coronakrise umdenken und mit neuen Ideen über die Runden kommen. Ob Gastronomie, Dienstleistung oder Handel - Wir stellen einige Beispiele vor. 

Spinatknödel am Fenster

Der „Alte Engel“ – das ist der Ort, wo sich eingefleischte Speyerer zum Essen, zum Trinken und zum Quatschen treffen. In der Mühlturmstraße nahe dem Altpörtel, ganz unten im Gewölbekeller, saß zu ihren Lebzeiten oft die frühere Kanzlergattin Hannelore Kohl im dunklen Separée, Thilo Sarrazin gastierte hier eine zeitlang regelmäßig, Ex-Fußballer Hanspeter Briegel gehört fast zum Stammpublikum.

Nun sind die Türen zu und Betreiber Philipp Rumpf befindet sich im „Corona-Modus“, wie er das nennt. Die Spinatknödel mit mediterranem Gemüse und den Heubraten mit Spätzle reicht er nun nicht mehr am rustikalen Holztisch, sondern durch das Alufenster seiner Weinbar. Fließen an guten Tagen Tausende Euro Umsatz, so sind es derzeit wenige Hundert Euro. „Es bringt etwas Linderung“, sagt Rumpf über seinen Abholservice, den er wie viele andere Gastronomen in der Stadt anbietet. Neben dem EC-Kartengerät steht die Flasche mit Desinfektionsmittel. Er selbst trägt Einmalhandschuhe, wenn er das Essen aushändigt. Skurrile Zeiten für einen Wirt, der gerne mit seinen Gästen am Tisch sitzt. (sal)

Lesestoff per Rad

Was der Heidelberger Westen in der Corona-Krise liest? Besonders gerne Lutz Seilers „111“ Bettina Heuer weiß das ganz genau. Ihr „Wortreich“ musste sie zwar vorübergehend schließen. Mit dem Rad liefern sie und eine Mitarbeiterin aber seit vergangener Woche in die Weststadt Heidelbergs aus – deutlich umweltfreundlicher also als Internet-Lieferservices. „Denken Sie nicht nur an Amazon“, lautet auch der Appell weiterer Buchhandlungen, die ebenfalls ausliefern.

Die Kunden bezahlen bei der Bestellung über die Internetseite mit einem Bezahlsystem oder rufen an und bekommen eine Rechnung. „Wir melden uns mit einem Stift auf dem Klingelknopf und deponieren die Ware dorthin, wo man es gesagt hat.“ Persönliches Übergeben verbiete sich wegen einer möglichen Infektionsgefahr genauso wie Bargeld.

Ebenfalls gerade sehr gefragt: Lektüren für Schüler. Und Krimis. „Ja, die ,Pest’ von Albert Camus auch. Eigentlich bunt gemischt – so wie sonst auch“, sagt die Buchhändlerin. (miro)

Home-Office im Hotel

Gähnende Leere, neue Gäste weit und breit nicht in Sicht. Die Hotel-Kette Achat macht aus der Not eine Tugend und bietet ihre Hotel-Zimmer nun als Home-Office an. Es sei eine Lösung für alle, die zuhause nicht den Platz, die Ruhe oder ein leistungsstarkes Internet zur Verfügung hat – oder in einer WG wohnen mit wenig Raum für Distanz. Dafür stelle die Hotelkette ihre Zimmer zur Verfügung. Auf Wunsch gebe es das Mittagessen oder ein Feierabendbier direkt und kontaktlos aufs Zimmer.

Ihre Arbeitsgeräte mit Laptops müssten die Nutzer allerdings selbst mitbringen. Für das Home-Office berechnet das Hotel einen Tagespreis von 39 Euro. Wer die ganze Woche bucht, zahlt 179 Euro, wie eine Unternehmenssprecherin erläutert.

Gebucht habe bislang allerdings noch niemand, verrät die Sprecherin. Mehrere Interessenten hätten sich allerdings schon unverbindlich gemeldet. Achat-Hotels gibt es in der Region in Schwetzingen, Hockenheim, Reilingen-Walldorf, Neustadt und Frankenthal. (bjz)

Frühstück bis Abendbrot

Seit mehr als zehn Jahren bekocht Gerold Betz Hunderte von Menschen bei allen Veranstaltungen im Ludwigshafener Pfalzbau. Dieses Geschäft ist nun erstmal vorbei. Doch mit seinem Unternehmen Merlinsetzt er jetzt auf einen Lieferservice von fertig gekochten Speisen für alle, die das Haus nicht verlassen können oder wollen. Einen Speiseplan gibt’s auf der Homepage, Betz hat auch tausendfach Flyer verteilen lassen. Am heutigen Dienstag beginnt die Auslieferung. Die Zubereitung in mehreren Küchen mit mehreren Teams soll sicherstellen, dass im Falle einer Corona-Erkrankung eines Mitarbeiters schnell Ersatz zur Verfügung steht. Das Wechselgeld für die Barzahlung wird ebenfalls erhitzt, um es virenfrei zu halten. Mittag- und Abendessen kosten zusammen 15 Euro, mit Frühstück 19 Euro. Am zusätzlich kalkulierten Lieferpreis von fünf Euro will Betz noch arbeiten. Dazu liefert der Caterer auch Obst, Gemüse und Hygieneartikel. Für Kooperationen mit Kollegen ist er offen. (bjz)

Hofladen nur an der Tür

„Man kann ja nicht nur Nudeln und Tiefkühlkost essen. Und schon gar nicht, wenn man mitten im größten Gemüseanbaugebiet Deutschlands lebt“, findet Petra Dickgießer. In ihrem Obst- und Gemüselädchen in Limburgerhof (Rhein-Pfalz-Kreis) verkauft sie erntefrische Produkte von Landwirten aus der Region und Selbstgemachtes. „Viele ältere Leute möchten gar nicht mehr aus dem Haus, deshalb habe ich mir den Lieferservice ausgedacht“, erzählt sie.

Auf einem neongrünen Schild am Laden steht eine Handynummer, unter der Kunden ihre Bestellungen abgeben können. „Ich packe das Gemüse zusammen und liefere es direkt aus.“ Einen Aufpreis verlange sie nicht: „In Zeiten wie diesen muss man doch zusammenhalten.“ Vor allem frisches Gemüse wie Blumenkohl, Lauch und Kohlrabi gehe sehr gut. Verkauft wird nur noch durch die Tür: „Wir stehen hinter einer Plexiglasscheibe.“

Auch Landwirtin Heike Breuer aus Schifferstadt, ebenfalls im Rhein-Pfalz-Kreis, bietet ab dieser Woche auch einen Lieferservice ihres Hofladens an. (sin)

Beratung für Chefs in Krise

Wie gehe ich als Führungskraft mit der Corona-Krise um – wie leite ich nun an, wenn das Team im Homeoffice ist? Das sind Fragen, die Bad Dürkheimerin Verena Kiy nun bei ihrer Unternehmensberatung nach vorne gezogen hat. Sie weiß: Plötzlich rücken in einem Unternehmen, Gewerbetreibenden oder Selbstständigen ganz andere Fragen auf der Tagesordnung nach oben als noch vor vier Wochen. Und die Beratung muss nah, aber ohne Infektionsrisiko sein.

Die Expertin für Zeitmanagement und Business-Coaching (www.verena-kiy.de) betont: „Ich lebe in der Region und mir liegen die Unternehmer und Unternehmerinnen wirklich am Herzen.“ Schnelle Angebote wie „Short Business Talk“ hält sie zum Beispiel bereit: „Führungskräfte können mit einer Vorlaufzeit von 48 Stunden ihren Coaching-Call bei mir buchen, um ihre Themen rund um Führung zu besprechen. Eine Art Mini-Coaching, per Video-Call. Denn grade jetzt muss den Führungskräften unter die Arme gegriffen werden.“ (miro)

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