Debatte

Haben wir das Atmen verlernt, Frau Panthöfer?

Die Welt ist atemlos geworden – und wir mit ihr. Viele Menschen holen im heutigen Alltag nicht mehr tief Luft, sagt die Atemtherapeutin Sonja Panthöfer. Der Grund dafür ist Dauerstress. Ein Gastbeitrag.

Wir alle tun es, sogar bis zu zwölf Mal pro Stunde. Das Überraschende daran: Wir registrieren es meist gar nicht. Die Rede ist vom Seufzen, also einem tiefen Ein- und Ausatmen. Als Mitteleuropäer seufzen wir für gewöhnlich dezent, nur manchmal entfährt uns dabei ein leichtes Stöhnen oder Japsen. Anders als beim deutlich hörbaren Ächzen, das mit körperlichen Beschwerden verbunden ist, drückt sich im Seufzen eine Art geistiger Schmerz aus.

Die Bandbreite des Seufzers beginnt mit Unlust oder Unbehagen, manifestiert sich auch in Gefühlen der Resignation und reicht bis hin zu großer seelischer Not. Anders gewendet: Jedes Mal, wenn uns etwas in irgendeiner Form stresst, holen wir tief und schwer Luft. Insofern ist der Atem ein Spiegel der Gesellschaft und all die vielen verhaltenen oder deutlich vernehmbaren Seufzer, die wir alle fünf Minuten in kleinen oder großen Stress-Situationen von uns geben, liefern den Sound dazu.

Stress gilt zu Recht als Volkskrankheit, Stress wird mitunter aber auch zu Unrecht verteufelt. Gern übersehen wird, dass Stress etwas Janusköpfiges hat. Vereinfacht gesagt lässt sich von gutem und schlechtem Stress sprechen. „Eu“ ist eine griechische Vorsilbe, die übersetzt „gut“ bedeutet. Stress, der uns nicht überfordert, wird deshalb als Eustress bezeichnet. Stehen wir beispielsweise unmittelbar vor einer Herausforderung, schüttet unser Körper die Botenstoffe Cortisol und Adrenalin aus. Der Herzschlag erhöht sich und der Blutdruck steigt, damit Muskeln und Hirn schneller reagieren können und wir in der Lage sind, das Beste aus uns herauszuholen. Diese kurzfristige innere Anspannung verkraftet der Körper zumeist problemlos.

Anders verhält es sich, wenn der Druck anhält, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. In der modernen Arbeitswelt ist die Mehrheit der Beschäftigten mit Dauerdruck konfrontiert, der sich etwa in überlangen Arbeitslisten, ständiger Erreichbarkeit und zahlreichen Überstunden bemerkbar macht. Durchgetaktet ist aber häufig nicht nur der berufliche Alltag, sondern auch privat gibt uns das Leben einen immer schnelleren Rhythmus vor. Wird ein solches Lebensgefühl von Macht- und Hilflosigkeit begleitet, wirkt sich das zusätzlich negativ auf das Stresslevel aus. Manche erleben sich sogar als Gefangene einer Lebenslage, aus der sie keinen Ausweg sehen. Klar ist: Chronischer Stress nagt an Leib und Seele.

Nun erfahren wir tagtäglich durch die Medien, dass wir in einer bewegten und atemlosen Zeit leben. Wir wissen, dass in unserer Gesellschaft Hast und Eile zur Begleiterscheinung jeglichen Tuns geworden sind. Es ist uns nur zu bewusst, dass Entschleunigung zu den größten Herausforderungen unserer Zeit gehört. Doch wie wir aus der Diskrepanz zwischen gelebter vita activa (tätigem Leben) und ersehnter vita contemplativa (beschaulichem Leben) herausfinden, ist uns schleierhaft. Es geht nicht darum, dass wir den Stress geregelt haben wollen. Nein, wir haben schlicht keine Ahnung davon, wie genau Entspannung vonstatten gehen soll.

Genau aus diesem Grund ist der Atem als gesellschaftlicher Spiegel so spannend, weil er zeigt, dass der Schlüssel für unsere Sehnsucht nach Muße und weniger Tempo eigentlich ganz nahe ist. Denn treu begleitet uns dieser Atem, solange wir leben. Immerhin ist es das Allererste, was wir tun, wenn wir auf die Welt kommen, und es ist auch das Allerletzte, bevor wir sie wieder verlassen. So selbstverständlich ist uns diese Treue, dass wir gar nicht darauf achten, wie wir atmen. Wir tun es eben einfach und haben darüber vergessen, dass wir das Heilmittel zur Neubelebung unserer vita contemplativa in uns tragen.

Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, wie Sie verspannt und krumm vor Ihrem Bildschirm sitzen? Und dabei immer wieder mal die Luft anhalten und ansonsten flach vor sich hin atmen? Die tiefe Atmung, wie sie die schwere körperliche Arbeit früherer Zeiten erforderte, ist heutzutage nicht mehr zwingend notwendig. Der Philosoph Wilhelm Schmid meint daher völlig zu Recht, dass das Flachatmen dem modernen Menschen zur zweiten Natur geworden sei. Der Mensch atmet, wie er lebt.

Selbstverständlich besteht die Welt nicht nur aus Flachatmern, sondern es existieren noch eine ganze Reihe weiterer Atemformen. So unterschiedlich wie die Menschen sind, ist auch ihr Atemmuster. Was für jeden von uns allerdings gleich ist: Um den Atem anzuhalten, loszulassen oder zu pressen, setzen wir unser Zwerchfell ein. Weil Atem und Gefühle ein unzertrennliches Duo sind, hatte unser größter und wichtigster Atemmuskel in der Antike einen sehr schönen Beinamen: Damals nannte man ihn den „Sitz der Seele“.

Heutzutage wird das Zwerchfell interessanterweise hauptsächlich dann erwähnt, wenn ausgiebig gelacht wird. Ein Wort wie „zwerchfellerschütternd“ ist fast schon selbsterklärend, weil wir physiologisch betrachtet stark beschleunigt atmen und uns allein schon deshalb bei Gelächter nicht mehr halten können. Doch die Bedeutung des Zwerchfells für die Atmung ist aus dem Blick geraten. Weil bei tiefen, langen Atemzügen das Zwerchfell eine tragende Rolle spielt, ist für gestresste Menschen das tiefe Durchatmen von großer Bedeutung.

Menschen, die sich sportlich betätigen und dann eine Weile faul waren, wissen aus eigener Erfahrung: Muskeln bilden sich zurück. Nicht anders verhält es sich beim Zwerchfell, das zwar auch seinen Dienst tut, wenn wir uns nicht darum kümmern. Aber weil beim Atmen nicht nur der obere Brustkorb beteiligt ist, sondern sich auch der Bauch dehnt und zusammenzieht, spricht man der Einfachheit halber auch von Bauchatmung. Ein inaktiver Atemmuskel allerdings bildet sich zurück und verkümmert. Insofern ist festzuhalten: Ja, wir haben das Atmen verlernt.

Dauergestresste, die ihr Zwerchfell wiederbeleben wollen, empfinden die Bauchatmung daher anfangs häufiger als anstrengend. Das liegt daran, dass sich dieser verkümmerte Muskel nur eingeschränkt aufspannen und lösen kann. Aber Dranbleiben lohnt sich und all diejenigen, die noch einen zusätzlichen Motivationsschub benötigen, sollten sich einen Biathlon-Wettkampf anschauen. Erst sieht man die Athleten in atemberaubendem Tempo kilometerlang durch die Loipe gleiten. Dann müssen sie am Schießstand abrupt stehen bleiben und während man gerade noch registriert hat, wie sehr sie außer Atem waren, gelingt es ihnen binnen Sekunden, ihren Puls und Herzschlag zu drosseln. Biathlon ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass der Körper es lernen kann, zwischen An- und Entspannung hin- und herzuwechseln.

Klar ersichtlich dürfte geworden sein, dass Entspannung keine reine Kopfsache ist. Gerade Kopfmenschen, für die das Denken der bestimmende Kompass durchs Leben ist, behandeln ihren Körper mitunter wie eine Art Bediensteten, der auf Knopfdruck zu parieren hat. Doch ohne den Körper ist Entspannung nur schwer möglich. Es geht nicht darum, den Verstand bei Entspannungsübungen an der Haustür gleich mitabzugeben, wie manche skeptischen Zeitgenossen meinen. Vielmehr geht es um ein Miteinander von Körper und Geist.

Das Besondere am Atem ist, dass er sich anders als andere vegetative Funktionen verstandesmäßig beeinflussen lässt. Wer an hohem Blutdruck oder unter Reizdarm leidet, kann nicht willentlich darauf Einfluss nehmen. Doch wer auf das hört, was der Atem zu erzählen hat, ist nicht macht- oder hilflos. Ganz im Gegenteil: Gerade weil der Atem ein Seismograph ist, dem nichts entgeht, können bewusste Entspannungsimpulse beizeiten den gestressten Organismus besänftigen. Bauchatmung ist eine Art und Weise, sich der Intelligenz des Körpers anzuvertrauen. Zugleich antworten wir damit auf ein menschliches Urbedürfnis: die Empathie mit uns selbst.

In einem Gedicht des heute weitgehend vergessenen Dichters Hugo Salus (1866 – 1929) heißt es: „Weil Seufzer früher nicht zu Ruhe kommen/ eh’ sich ein Mitleid ihrer angenommen.“ Vielleicht sollten wir uns an diesen schönen Zeilen ein Beispiel nehmen und im Alltag künftig mehr darauf achten, wann und zu welchen Gelegenheiten wir seufzen. Nicht ausgeschlossen ist, dass uns dann auch jene Momente auffallen, in denen wir vor Wohlbehagen seufzen, wie etwa nach einem wunderbaren Essen oder inmitten einer schönen Landschaft. Von den Finnen heißt es übrigens, dass sie bei Wohlbefinden jederzeit und für jeden hörbar vor sich hin stöhnen.