Debatte

Ist die Welt noch zu retten, Herr Alt?

Die Hitzewelle rückt den Klimawandel in den Fokus. Er ist die Überlebensfrage für die Menschheit, sagt Journalist Franz Alt. Und es wird höchste Zeit, die Wende zu schaffen. Ein Gastbeitrag.

Hitzesommer 2018. Die Wälder brennen in ganz Europa, in Griechenland sterben mehr als hundert Menschen in den Flammen. Die Dürre zerstört massenhaft die Ernte. In Portugal ist es über 45 Grad heiß. Deutsche Bauern fordern Milliarden-Subventionen zusätzlich. Milchbauern schlachten ihre Kühe. Heu, so ist zu lesen, wird wertvoller als Gold. In manchen Regionen wird das Trinkwasser knapp, Schienen verbiegen sich, Straßenbeläge springen auf. In den Flüssen sterben Millionen Fische. In den Alpen kommt es zu Bergrutschen wie sie Fachleute noch vor fünf Jahren nicht für möglich hielten. Die Hitze lähmt die Wirtschaft an Europas Flüssen: Atomkraftwerke werden abgeschaltet, die Frachter können nur noch die Hälfte ihrer Ladekapazität befördern.

Als ich vor 25 Jahren in der ARD solche Szenarien prognostizierte, hielten mir viele Zuschauer vor, ich würde übertreiben. In diesen Wochen höre ich von meinen Fernseh-Kollegen, dass viele Zuschauer ihnen vorwerfen, sie würden beim Klimawandel untertreiben.

Das Bewusstsein gegenüber den Gefahren der globalen Erhitzung ändert sich gerade. Das kann auch Konsequenzen haben bei den kommenden Wahlen. Kein Zufall, dass die Grünen bei Umfragen gerade jetzt ein Allzeithoch erreichen.

Ausnahme wird Normalität

Die weltweite Klimaerhitzung und ihre Folgen kann niemand mehr leugnen. Klimaforscher Mojib Latif und seine Kollegen prognostizieren für die Zukunft noch mehr Hitze im Sommer und weit weniger Kälte und Frost im Winter, noch mehr Sturm- und Feuerschäden, noch mehr Überschwemmungen und Hitze-Tode.

Worüber auch in diesen Tagen zu wenig berichtet wird: Im Hitzesommer 2003 starben in Westeuropa mehr als 60 000 Menschen am Hitze-Tod. Und das Schlimmste – so die Prognosen – steht noch bevor. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt voraus: Was heute noch vielen als Ausnahme-Sommer scheint, wird bald Normalität. Wochenlang wird in künftigen Sommern auch nachts die Temperatur nicht unter 30 Grad sinken. In Griechenland bietet der Staat älteren Menschen nachts bereits gekühlte Räume zum Schlafen an.

In dieser Woche wenden sich namhafte Wissenschaftler mit einem Appell an die Weltgemeinschaft, der aufhorchen lässt: Das globale Klimasystem gleiche einer Kette von Dominosteinen – die ersten Steine drohen bereits zu fallen. Es droht eine Heiß-Zeit. Ist die Welt noch zu retten?

Die Theorie der Dominosteine dient als Illustration dessen, was passieren kann: Kippelemente, die das Klimasystem weit mehr verändern als wir es uns bisher vorstellen konnten. Solche Dominosteine sind zum Beispiel: der Amazonas-Regenwald, der Eispanzer Grönlands oder auch der Permafrostboden Sibiriens. Wenn Permafrost taut, entweichen riesige Mengen Methan. Und Methangas ist etwa 25 mal mehr Klima belastend als das bisher meist diskutierte CO2. Das heißt konkret: Das globale Klima steigt nicht nur um die zwei Grad, die bisher prognostiziert waren, sondern um das doppelte bis vierfache.

Wenn der erste Dominostein fällt, reißt er weitere mit sich. Und, so die Klimawissenschaftler, es könnte global zwischen fünf und acht Grad heißer werden. „Wenn eines der Elemente kippt, schiebt es die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu“, sagt zum Beispiel der Stockholmer Klimaforscher Johan Rockström. Schon Kinder wissen, dass es schwierig wird, Dominosteine vom Kippen abzuhalten, wenn der erste gefallen ist. Die Wissenschaftler sprechen bereits von einer „Teufelsspirale im Klimasystem“: Der globale Meeresspiegel kann in hundert Jahren um 60 Meter steigen, in Wäldern und Meeren geht die Artenvielfalt verloren.

Sicher ist: Nach Winter-Depressionen und April-Regen tut uns die Wärme zunächst gut und stimmt uns froh. Die Klimawissenschaft sagt dazu aber: Die bisherigen Hitzesommer waren und sind nur die Vorboten.

Wenn man mit Gletscherforschern in Grönland und Alaska, am Südpol und am Nordpol spricht, dann klingen deren Vorhersagen noch weit dramatischer. Das Eis, so haben sie errechnet, schmilzt heute dreimal schneller als es die Gletscherforschung noch vor zehn Jahren vorhergesagt hat. Das bedeutet: Hunderte Millionen Menschen an den Küsten rund um den Globus werden in den nächsten Jahrzehnten durch den Anstieg des Meeresspiegels ihre Heimat verlieren. Schon heute irren in Afrika 18 Millionen Klimaflüchtlinge über den Kontinent – auf der Suche nach Trinkwasser.

Die heutigen Kriegsflüchtlinge können wahrscheinlich irgendwann zurück in ihre alte Heimat. Die künftigen Klimaflüchtlinge können das nicht. Denn der Klimawandel ist überall und dauerhafter als jeder Krieg. In Bangladesch hat mir ein 35-jähriger Bauer schon vor einigen Jahren erzählt, dass er durch den Anstieg des Meeresspiegels fünfmal sein Haus wieder aufbauen musste.

Und was tun die Regierungen in dieser Situation? Sie haben 2015 in Paris ehrgeizige Klimaschutzziele beschlossen, aber sie tun nur wenig, um diese Ziele zu erreichen. Das gilt nicht nur für die USA unter Präsident Trump, das gilt auch für Deutschland und Europa. Und die Bürgergesellschaft? In Deutschland nutzen bereits 15 Millionen Menschen erneuerbare Energien. Doch die AfD und Teile der Wirtschaft bestreiten noch immer den Klimawandel und deutsche Pegida-Anhänger rufen in diesen Tagen den Klimaflüchtlingen im Mittelmeer zu „Absaufen! Absaufen!“

„Land unter“ gilt schon heute vor allem für Millionen Inselbewohner. Die Erderhitzung bedroht viele Insel-Traumparadiese. Jetzt klagen erstmals zehn Familien aus der ganzen Welt in einer Sammelklage gegen die schwachen Klimaschutzziele der EU. Diese Familien sind aus Ostfriesland, aus Frankreich, aus den Fidschi-Inseln, aus Kenia, Spanien, Rumänien, Portugal, Italien und Schweden. Sie fühlen sich durch Hochwasser und Hitze in ihren Grundrechen bedroht und in ihrer Gesundheit. Klageführer der Sammelklage der zehn Familien ist der Bremer Ex-Direktor der Forschungsstelle für Europäisches Umweltrecht, Professor Gerd Winter. Er sagt dazu: „Die Kläger können sich auf Europäische Grundrechte berufen. Wozu sind die sonst da?“ Es sind die Grundrechte auf Leben, Gesundheit und Beruf.

Theoretisch gibt es Millionen Kläger, in Indien und Bangladesch, auf den pazifischen Inseln, die heute schon unter Wasser stehen, in Äthiopien und Griechenland, in den Anden und im Himalaya. Aber zehn Familien haben jetzt einen Anfang gemacht. Ihre ersten Forderungen: Kohlekraftwerke schließen, SUVs in Städten verbieten, Fahrverbote ernst nehmen.

Schlimmstes verhindern

Wenn wir uns nicht ändern, dann ändert der Klimawandel uns. Er ist die Überlebensfrage für die Menschheit. Es geht vor allem um die Zukunft, um das Leben und um die Gesundheit unserer Kinder und Enkel.

Wie werden es unsere Nachfahren beurteilen, dass wir seit Jahrzehnten über die Gefahren der Klimaerhitzung Bescheid wussten, aber fast nichts dagegen getan haben? Sie werden uns anklagen: Ihr hättet die Katastrophe verhindern können, aber ihr habt es nicht getan. Aber auch jetzt gilt noch: Zumindest das Schlimmste können wir noch verhindern. Allerdings nur, wenn wir jetzt rasch handeln. Dazu brauchen wir freilich Lust auf Zukunft. Noch ist die Energiewende, die Verkehrswende, die Wasserwende, die Bau- und Landwirtschaftswende möglich.

In dieser Zeitenwende können wir noch eine intelligente Wendezeit organisieren. Noch. Die Klimawissenschaftler sagen: Wir haben noch eine Gnadenfrist von etwa 15 bis 20 Jahren. In dieser Zeit können und müssen wir die hundertprozentige Energiewende schaffen. Alles liegt an uns. Wir sind die erste Generation, welche die Klimakatastrophe verursacht hat. Wir sind aber auch die letzte, die das Problem noch lösen kann.

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