Debatte

Ist unsere Welt aus dem Gleichgewicht geraten, Herr Beschorner?

Immer schneller, immer unübersichtlicher: Unsere Gegenwart ist komplex, sagt Thomas Beschorner. Dadurch, so der Professor für Wirtschaftsethik, fallen auch Schwindeleien auf fruchtbaren Boden. Ein Gastbeitrag.

Nein, es ist nicht so, dass früher alles besser war. Aber man liegt sicherlich nicht falsch, wenn man zu der Einschätzung gelangt, dass sich unsere Gesellschaft massiv verändert (hat) – und dies nicht unbedingt zum Positiven. Ganz im Gegenteil können Entwicklungen beobachtet werden, die nicht weniger als den gesellschaftlichen Fugenkitt porös machen, Entwicklungen, die den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gefährden.

Die Wirtschaft steckt durch eine Vielzahl von Unternehmensskandalen in einer Legitimationskrise. Liberale Demokratien werden durch Populismen unterschiedlicher Art infrage gestellt. Rechte Bewegungen greifen mehr oder weniger offen rechtsstaatliche Prinzipien an. Offene Wertkonflikte in der Mitte der Gesellschaft drohen zu eskalieren. Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung führen zu Unsicherheit und Zukunftsangst. Der Klimawandel und die abnehmende Biodiversität werfen die Frage auf, ob es überhaupt noch eine menschliche Zukunft geben wird.

Es gibt zwei zusammenhängende Phänomene, die bei der Ursachenforschung für eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Erscheinungen behilflich sein können. Das erste Phänomen lässt sich mit dem Begriff des „Schwindels“ in seiner doppelten Bedeutung charakterisieren: Unsere Gesellschaft nimmt Fahrt auf. Entwicklungen laufen immer schneller, Strukturen werden immer unübersichtlicher und fragmentierter, darin sind sich Soziologen einig. Kein Wunder, dass Menschen davon regelrecht schwindelig wird, viele von ihnen nicht mehr hinterher-, manchmal auch nicht mehr klarkommen in dieser komplexen Welt. Die Gesellschaft ist schwindelerregend und befindet sich an einer Schwelle, an der es die alte Welt nicht mehr gibt und die neue noch nicht da ist. Diese Periode des „Dazwischen“ sorgt für individuelle wie gesellschaftliche Unsicherheiten im sozialen Raum, wodurch die Gesellschaft anfällig wird für Schwindler und betrügerische Schwindeleien, die wiederum neue Unsicherheiten stimulieren – ein Teufelskreis.

Das zweite damit zusammenhängende Phänomen betrifft das, was wir als ein „neues Ich“ bezeichnen können. In den letzten etwa 30 Jahren ist das, was normal ist, uneindeutig, ja ambivalent geworden. Dies hat nicht nur mit neuen Wahlmöglichkeiten in einer „Multioptionsgesellschaft“ zu tun, sondern mit einer (neuen) Individualisierung in allen möglichen Lebensbereichen, bei der es nicht mehr um Konformität, sondern um ein Besonders-Sein, um das neue singuläre Ich geht.

Dies spiegelt sich beispielsweise in neuen Konsummustern wider: Früher trank man Filterkaffee (meine Oma nannte es immer Bohnenkaffee) der Sorten Dallmayr Prodomo, Jacobs Krönung oder die Feine Milde von Tchibo. Heute kauft man ganze Bohnen (für den eigenen Kaffeeautomaten natürlich) beim Barista seines Vertrauens, der Kaffee wie teuren Whiskey oder Wein zelebriert. Und Reiseziele, ein anderes Beispiel, schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz, „können sich nicht länger damit begnügen, einförmige Urlaubsziele des Massentourismus zu sein. Es ist vielmehr die Einzigartigkeit des Ortes, die besondere Stadt mit authentischer Atmosphäre, die exzeptionelle Landschaft, die besondere lokale Alltagskultur, denen nun das Interesse des touristischen Blicks gilt“.

Dies sind nur zwei Beispiele, die auf einen neuen Typus von Mensch im 21. Jahrhundert hindeuten. Das neue Ich drückt sich jedoch nicht nur in Konsumpraktiken aus und bildet sich nicht nur dadurch heraus. Derartige Praktiken eines neuen Ichs finden sich auch in anderen, ja im Grunde in allen Lebenskontexten: im Bereich der Arbeit (cooler Start-up-Gründer statt Investmentbanker, Tischler statt Ingenieur, das Sich-neu-erfinden trotz erfolgreich verlaufener Karriere), in partnerschaftlichen Beziehungen (offen und experimentell statt öde Ehe, oder ganz anders: Single aus Berufung) oder im Bereich der Sexualität („nichts muss, alles kann“).

Diese Entwicklungen machen auch vor gesellschaftspolitischen Bereichen nicht halt. Als neues singuläres Individuum hat man mit organisierten Großgruppen, ob nun politischen Parteien, Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Verbänden oder Nichtregierungsorganisationen nichts am Hut. Man engagiert sich maximal in fluiden „Bewegungen“ – ob nun bei Pegida oder „FridaysForFuture“. Wichtig ist dabei, so argumentiert die Philosophin Isolde Charim ähnlich, dass man sich dort emotional erleben kann.

Besonders kritisch ist das neue Ich gegenüber gesellschaftlichen Institutionen, die das Subjekt verändern wollen, seien es Bildungsinstitutionen, die Medien, Wissenschaftler oder Intellektuelle. Kommt es zur Politik, dann ist gerne von „Verbotspartei“ die Rede, womit natürlich immer nur die Grünen gemeint sind. Ohnehin, moralische Argumente mag das neue Ich nicht, denn diese kommen von Gutmenschen, Weltverbesserern und Moralisten – übrigens allesamt zynische Abgrenzungsbegriffe von im Grunde positiv konnotierten Wortbedeutungen.

Diese und weitere Aspekte erklären eine ganzen Reihe von gesellschaftlichen Phänomenen: das (nahende) Ende sogenannter Volksparteien in Deutschland, wie das der SPD, zum Beispiel; das Aufstreben populistischer Gruppierungen, die einfache Freund-Feind-Geschichten erzählen und ihre emotionalen Fangnetze erfolgreich auswerfen oder den Erfolg von Demagogen und Schwindlern wie Donald Trump.

Sie bieten einen Erklärungshintergrund dafür, weshalb die Welt vom Einzelnen als furchtbar anstrengend und schwindelerregend wahrgenommen wird, muss sich das neue Ich doch stets neu erfinden und sich das Singuläre stetig erarbeiten. Sie erklären, warum Medien, den Wissenschaften, den Politikern nicht mehr geglaubt wird, sind diese doch Repräsentanten der alten Ordnung, die den Einzelnen erziehen will.

Ob die Gesellschaft mit den beschriebenen Phänomenen nun im Umbruch oder im Bruch miteinander ist, weiß derzeit niemand. Und Patentrezepte und einfache Lösungen wird es für einen gesellschaftlichen Transformationsprozess nicht geben. Aber es gibt vier allgemeine Hinweise und Prognosen:

Erstens, unsere Gesellschaft wird auf unbestimmte Zeit schwindelerregend bleiben, unser Leben in ihr wird anstrengender werden, Menschen werden zunehmend Hilfe bei der Bewältigung ihres Lebens benötigen. Psychologische Beratungsdienst werden ebenso wie Bücher und Apps für die praktische Lebensberatung stärker nachgefragt werden.

Zweitens, es ist kein Zufall, dass inzwischen zig Regierungschefs die Geschicke von (Welt-)Nationen bestimmen, denen mitunter die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen werden könnte. Ihre phantastischen Geschichten verfangen, weil sie das neue Ich emotional ansprechen. So etwas wie Wahrheit wird dabei zur Nebensache.

Damit zusammenhängend ist, drittens, eines der Hauptprobleme in unserer Gesellschaft, dass das neue Ich auf eine alte Institutionenordnung trifft und diese nur noch mäßig auf die spezifischen Bedürfnisse der Individuen geeicht ist. Es wird weiterhin wichtig sein, zentrale demokratische Ideen und Errungenschaften zu verteidigen, keine Frage. Zugleich stellt sich jedoch die Aufgabe, politische Ideen auch populär zu machen – ohne freilich in einen dumpfen Populismus zu verfallen.

Es wird hier wichtig sein, die Menschen auch in ihren emotionalen Anliegen anzusprechen und nach neuen Formaten, „Events“ und Partizipationsformen zu suchen, die die Bürger ansprechen – und noch wesentlicher: bei denen die Bürger selbst sprechen.

Regierungen, politische Parteien, Gewerkschaften, Kirchen oder andere organisierte Großgruppen sollten, viertens, jedenfalls erkennen, dass die Zeiten belehrender und richtungsweisender Ansprachen vorbei sind und Bürgerbeteiligung wichtiger denn je ist, will man sich nicht noch weiter von den Menschen entfernen.

Womöglich sind die skizzierten Entwicklungen auch eine gesellschaftliche Krise, die Chancen bereithalten. Wir können nämlich noch daran mitwirken, was eine postdemokratische Gesellschaft, die ihre Schatten sehr deutlich vorauswirft, ausmachen wird. Werden wir den Boden demokratischer Ideen verlassen, neofeudalen Strukturen weiterhin zulassen und Schwindlern das Feld überlassen? Oder werden wir neue Formen demokratischer Teilhabe entwickeln können, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken und in dem Sinne postdemokratisch sind als sie über das Minimum einer demokratischen Ordnung, nämlich alle vier Jahre zu wählen, hinausreichen. Noch ist alles drin!

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