Debatte

Muss mein Kind aufs Gymnasium, Herr Füller?

Archivartikel

Immer mehr Eltern sagen Nein. Sie wünschen für ihre Kinder ein Lernen ohne Druck – das gleichwohl den Weg zum Abitur offen hält. Eine neue Schulart bietet genau das an: Die Gemeinschaftsschule, die in einem Boom die Bildungsrepublik verändert. Ein Gastbeitrag.

Wer wissen will, wie das Lernen von morgen aussieht, sollte die Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe besuchen. Die Schule verzichtet immer öfter auf alte Lernmethoden wie etwa den Frontalunterricht. Stattdessen hat sie einen „Makerspace“ eingerichtet. In dieser Zukunftswerkstatt finden sich 3-D-Drucker, Film- und Tonstudio und andere Lernwerkzeuge.

Das wirklich Neue an dieser Schule ist freilich nicht der digitale Kram, sondern ein didaktischer Kniff. Es soll keinen Gleichschritt mehr geben. „Nicht jeder Schüler steht an der gleichen Stelle“, erklärt Schulleiter Micha Pallesche. „Das ist unsere eigentliche Stärke, jeder kann in seinem Tempo lernen.“ Viele Eltern finden das gut. Die Schule ist stark nachgefragt – denn sie ist eine Gemeinschaftsschule, die für ein neues Lernprinzip steht: „Slow Abi.“ Sie will Kindern den Weg zum Abitur offen halten – ohne Druck.

Vielen Eltern schenkt dieses Prinzip neue Hoffnung. Nach Pisaschock und Turboabitur sehnen sich Familien nach kindgerechtem Lernen. Das sieht man auch in der Schulstatistik. Die Zahl der Gemeinschaftsschulen und ähnlicher Schulformen hat sich verdreifacht– innerhalb von nur zehn Jahren. Das sanfte Abitur erobert die Republik.

Der Boom der Gemeinschaftsschule begann in Schleswig-Holstein. Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) ließ 2005 die neue Schulform entwickeln, die bewusst nicht neben die dreigliedrige Schule platziert wurde. „Was wir nicht brauchen, ist der unüberschaubaren Vielfalt des gegliederten Systems eine weitere Schulform hinzuzufügen“, sagt Peter Rösner, der die Schule entwarf. „Wir brauchen ersetzende Schulformen für Schularten, die sich überlebt haben.“ Rösner meint damit Schulen, die kein Abitur anbieten. Die Kommunen im Norden, sprich Eltern und Bürgermeister, entschieden sich, die Gemeinschaftsschule einzuführen – und ließen zugleich Haupt- und Realschulen auslaufen. Das führte zu einem Dominoeffekt: Berlin und das Saarland machten es genauso und führten ein konsequent zweigliedriges Schulsystem ein. Nicht anders Hamburg und Bremen, dort mit Stadtteil- und Oberschulen. Auch Sachsen-Anhalt und Thüringen haben Gemeinschaftsschulen eingeführt. Das große Nordrhein-Westfalen hat sich auf den Weg gemacht, und in Baden-Württemberg sind in kurzer Zeit 300 Schulen dieses Namens entstanden – dazu gleich mehr.

So wurde ein regelrechter Erdrutsch in der deutschen Bildungslandschaft ausgelöst: 2007 gab es ganze 670 Schulen dieser Art, im vergangenen Schuljahr waren es bereits 2100. Wenn das so weiter geht, holen die Gemeinschaftsschulen bald die 3000 Gymnasien ein.

Während die Gemeinschaftsschulen boomen, leiden Haupt- und Realschulen an Schwindsucht. Die Zahl der Hauptschulen sank – im selben Zeitraum – um die Hälfte, die der Realschulen um ein Drittel. Anders als in den 1970er Jahren, als die große Schulreform im Schulkrieg mündete, geht offenbar etwas zu Ende: das dreigliedrige Schulsystem.

Und noch etwas ist anders im Vergleich zu 1969, als Willy Brandt „mehr Demokratie wagte“ und die erste Bildungsexpansion ausrief. Das Lernen blieb damals unangetastet. Selbst Gesamtschulen trennten die Schüler weiter nach Leistung. In Gemeinschaftsschulen hingegen bleiben alle Schüler prinzipiell im selben Raum. Mit individuellen Lernformaten sorgen sie dafür, dass Schüler möglichst selbstständig arbeiten – also im eigenen Tempo.

„In der normalen Schule bauen die Lehrer Druck auf, indem sie Prüfungen schreiben lassen und Noten geben“, beschreibt der zwölfjährige Adrian das Lernen an der Karlsruher Gemeinschaftsschule. „Bei uns ist das ganz anders. Da bauen wir Schüler den Druck auf – wenn wir das wollen.“ Und wie geht das? „Ich kann mir aussuchen, in welcher Leistungsstufe ich lernen will.“

Die Gemeinschaftsschulen haben Vorläufer in der mehr als 100 Jahre alten Reformpädagogik. Schulleiter Pallesche schaut lieber voraus. „Die Schüler erwartet eine Welt, in der sie eben nicht immer gesagt bekommen, was sie zu tun haben“, sagt er. „Schüler müssen lernen, eigenständig zu arbeiten.“ Dabei soll bald ein futuristisches Innovation-Lab helfen. „Der Lernende als Designer“ nennt Pallesche das. Die experimentellste unter den Gemeinschaftsschulen liegt in Berlin. Die „Evangelische Schule Berlin Zentrum“ organisiert das Lernen nicht mehr nach Fächern, sondern nach dem Freiheitsgrad ihrer Schüler. In „Lernbüros“ bestimmen die Schüler das Tempo ihres Lernens. Für dreiwöchige „Herausforderungen“ legen sie eigenständig ihre Reiseziele fest. Und in neuartigen „Pulsaren“ entscheiden sie in der Oberstufe über das Leistungskurs-Thema, das sie erforschen wollen. Die Schule hat bereits mehrere Abiturjahrgänge entlassen.

Die Leistungen unterscheiden sich nicht von den Berliner Gymnasien – und die gehören zu den besten der Republik. So weit sind noch lange nicht alle Gemeinschaftsschulen. In Baden-Württemberg wird die neue Schule sogar behindert. Zwei Mängel prägen die dortige Variante der Schulreform: Erstens platzierte man die Gemeinschaftsschule quasi neben das herrschende Schulsystem – das provoziert permanente Konkurrenzkämpfe mit den Realschulen. Zweitens wendet Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) eine List an, die den Ruf der Gemeinschaftsschulen beschädigt – sie vergibt Oberstufen nur extrem restriktiv. Dieses Gift kann tödlich werden. „Schulen, die keine gymnasialen Standards im Programm haben, werden von den Eltern über kurz oder lang nicht mehr akzeptiert“, sagt Peter Rösner, der Erfinder der Gemeinschaftsschulen.

Gemeinschaftsschule, das heißt „anders Lernen“ plus Abitur, kurz: „Slow Abi“. Nur funktioniert „Slow Abi“ eben nicht ohne Oberstufe – weil dann für viele Eltern der Anreiz entfällt. Das gilt gerade für Baden-Württemberg, wo es Hunderte von Weltmarktführern gibt. Wer den Schulen vor Ort das Abitur nicht gibt, der lässt das intellektuell anreichernde Milieu ziehen, das die Firmen wie die neuen Schulen brauchen. Das wäre keine Schulreform, sondern eine Umetikettierung: Die soziale Mischung der Schulen bliebe gleich. Heute muss aber jedes Talent gehoben werden. „Unser Ziel es ist, eine Oberstufe zu bekommen“, sagt etwa Jürgen Köhler, der Bürgermeister von Ertingen über seine Gemeinschaftsschule. „Man braucht heutzutage nicht irgendeine Schule, sondern eine, die Kinder auf eine Zukunft vorbereitet, die wir noch nicht genau kennen.“

Gerade haben die ersten Gemeinschaftsschulen Baden-Württembergs Bilanz gezogen. Sie bestätigt die Ergebnisse anderer Bundesländer. Allein die Änderung der Lernidee liftet die Bildungsabschlüsse. Die Starterschulen machten aus einem Drittel Schülern mit Realschulempfehlung zwei Drittel mittlere Abschlüsse – weil viele Kinder mit Hauptschulprognose aufstiegen. Aus zwölf Prozent gymnasialempfohlenen Kindern wurden 14 Prozent Abiturienten – obwohl es bislang keine einzige Oberstufe gibt. Ein überragendes Ergebnis.

Wird das die Landesregierung dazu bewegen, den Schulen mehr Oberstufen zu geben – und so die Chance zur Entwicklung? Längst wird nicht mehr nur auf Kultusministerin Eisenmann geschaut: „Ich habe das Gefühl, dass die Grünen unsere Kinder als Versuchskaninchen benutzt haben“, sagt etwa Ulrike Felger, eine Mutter, die in der Interessengemeinschaft der Gemeinschaftsschulen aktiv ist. „Sie haben uns Familien diese Schule mit neuem Lernen und Chance zum Abitur angeboten – jetzt lassen sie uns im Stich.“ Felger stört, dass die Grünen regungslos zuschauen, wie die CDU der jungen Schulform die Gurgel zudrückt. „Diese Partei hat die Gemeinschaftsschule vor fünf Jahren zusammen mit der SPD nach Baden-Württemberg geholt. Und jetzt fallen sie der destruktiven Politik der Kultusministerin nicht in den Arm – weil der Koalitionsfrieden über allem anderen steht.“ Es wäre eine verpasste Chance: Die Bildungsrepublik wandelt sich gerade in ein zweigliedriges Schulsystem, das neben dem Gymnasium einen soften Lernzweig samt Abiturmöglichkeit bietet. Aber ausgerechnet im High-Tech-Land Baden-Württemberg wird die Schule der Zukunft hintertrieben?