Debatte

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Sind die Grenzen zwischen konservativ und rechts fließend, Frau Bednarz?

Die Radikalisierung macht selbst vor Christen nicht halt und unterwandert Religion und Kirche, sagt Liane Bednarz. Die Juristin und Publizistin warnt vor den gesellschaftlichen Konsequenzen. Ein Gastbeitrag.

Mitte März, an einem für die Jahreszeit sehr kalten Abend, konnte die rechtsgerichtete „Merkel muss weg“-Demo vor dem Hamburger Dammtorbahnhof mit einem prominenten Redner aufwarten. Auf zwei unterschiedlich hohen Bierkisten heizte dieser die Stimmung an, streckte schließlich seine rechte Faust in die Luft und skandierte unter dem Jubel der knapp 200 Menschen vor ihm „Widerstand, Widerstand“. Es war Matthias Matussek, einst gefeierter Feuilletonist beim „Spiegel“ und der „Welt“, inzwischen Sympathisant der vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“. In Hamburg betonte er gleich zu Beginn seiner Rede, dass er „Christ“ und „Katholik“ sei.

„Es hat eine Spaltung in einen gen rechts offenen und einen moderaten Part stattgefunden.“

Matussek ist nur der bekannteste Exponent eines bestimmten christlichen Milieus, das in den vergangenen Jahren einen beachtlichen Rechtsdrall entwickelt hat. Dort lässt sich wie unter einem Brennglas das beobachten, was längst bis weit in die bürgerliche Mitte hineinreicht und nicht auf AfD-Anhänger beschränkt ist: die zunehmende Übernahme rechter Feindbilder wie den „GEZ-Medien“ und dem „linksgrünversifften Mainstream“ bis hin zu Verschwörungstheorien wie dem „Bevölkerungsaustausch“ oder der „Islamisierung“. Auch auf die Schlagworte der Pegida-Bewegung trifft man in diesen Kreisen häufig, also auf das Gerede von der „Lügenpresse“ und den „Volksverrätern“ oder die etwas softeren Begriffe der „Lückenpresse“ und „Politikerkaste“.

Bei diesen Christen, die für rechtes Gedankengut empfänglich sind, handelt es sich um Teile des konservativen katholischen sowie des konservativen evangelikalen Milieus. Hier hat mittlerweile eine regelrechte Spaltung in einen gen rechts offenen und einen moderaten Part stattgefunden, der zwar zahlenmäßig überwiegt, aber in der Öffentlichkeit kaum sichtbar ist, während Lautsprecher wie Matussek ihre Ideen mit großer Reichweite in den sozialen Medien verbreiten.

Anders als Matussek reagieren die meisten der gen rechts gedrifteten Christen empört, wenn man sie damit konfrontiert, welche politische Richtung sie eingeschlagen haben. Konservativ sei man, das ja, aber eben auch nicht mehr. Doch das ist ein Irrtum. Der Grenzverlauf zwischen dem, was noch konservativ im bundesrepublikanischen Sinn und dem, was schon rechts ist, hat sich in Deutschland nach 1945 deutlich herauskristallisiert und ist auch in der Politik- und Geschichtswissenschaft klar konturiert.

Der bundesrepublikanische Konservativismus ist fest im Westen verankert, steht für die europäische Einigung, übernimmt Verantwortung für das Grauen im Dritten Reich und vertritt die Werte des Pluralismus und der liberalen Demokratie. Demgegenüber distanziert sich das rechte Denken zwar klar vom Nationalsozialismus, knüpft aber an antiliberale, antipluralistische und teilweise auch völkische Vorstellungen der Weimarer Republik an.

Und während Konservative eine positive Grundhaltung gegenüber der Gesellschaft im Jetzt und Hier haben, aber meinen, dass sich das Neue zunächst einmal dem Alten gegenüber als überlegen erweisen muss, zeigen sowohl säkulare als auch christliche Rechte oftmals eine verächtliche Haltung gegenüber der liberalen Gesellschaftsordnung und betrachten diese als dekadent.

Dementsprechend bewundern viele von ihnen autoritäre Regierungen wie die unter Wladimir Putin in Russland, Victor Orbán in Ungarn oder der PiS-Partei in Polen, weil diese vermeintlich „christlich-abendländische“ Werte durchsetzen.

Die Gründe, warum gerade manche Christen sich als so anfällig für das rechte Denken erweisen, sind vielfältig. Eine große Rolle spielt dabei der Umstand, dass sie in den vergangenen Jahren nicht zu Unrecht ein Gefühl politischer Heimatlosigkeit entwickelt haben.

„Dass die AfD abtreibungskritisch ist, ist für viele Grund genug, sie zu wählen.“

Grund hierfür ist gar nicht einmal so sehr der Mittelkurs der CDU unter Angela Merkel als solcher, sondern vor allem, dass dieser entweder ausdrücklich (Ausgestaltung der Eurorettung) oder aber zumindest implizit als „alternativlos“ und somit nicht diskutierbar dargestellt wurde (Flüchtlingspolitik).

Hinzu kamen abrupte Richtungswechsel bei Themen, die für Konservative wichtig sind (Energiepolitik, Wehrpflicht). Zugleich wurde dem konservativen Parteiflügel, der neben dem liberalen und dem christlich-sozialen zu einer der drei Wurzeln der Partei zählt, personell kaum Raum gegeben.

Mindestens genauso wichtig ist allerdings der Umstand, dass es seit Jahrzehnten enge personelle und inhaltliche Verflechtungen von Christen und Medien der Neuen Rechten wie namentlich der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ gibt. So zählen schon länger etwa prominente Katholiken wie der talkshowbekannte Abtreibungsgegner Martin Lohmann (parteilos, früher CDU) und die Gender-Kritikerin Birgit Kelle (CDU, selbst kritisch gegenüber der AfD) zu ihren Stammautoren. Auch Matussek gehört inzwischen dazu. Helmuth Matthies, der langjährige Chefredakteur des evangelikalen Wochenmagazins „Idea Spektrum“, der später die Pegida-Bewegung verteidigen sollte, erhielt bereits 2009 den von der „Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung“ (FKBF) in Kooperation mit der „Jungen Freiheit“ und Ingeborg Löwenthal verliehenen „Gerhard-Löwenthal-Preis“ für Journalisten.

Zwar hat sich die „Junge Freiheit“, die in ihrem Leitbild selbst ihren „festen, christlichen Standpunkt“ hervorhebt, im Laufe der Jahre gemäßigt, kritisiert Radikale wie Björn Höcke und enthält neben Artikeln neurechter Vordenker auch konservative Texte. Grundsätzlich aber ist sie der AfD wohlwollend gegenüber eingestellt. So nimmt es nicht wunder, dass viele Christen, für die die Zeitung zur vermeintlich harmlosen konservativen Pflichtlektüre zählt, der AfD ebenfalls mit Sympathien begegnen.

Im Wesentlichen gibt es drei Themen, die für rechtsgerichtete Christen so zentral sind, dass sie politische Parteien und Akteure fast ausschließlich daran messen: Abtreibung, „Genderwahn“ und „Islamisierung“. Allein der Umstand, dass die AfD abtreibungskritisch ist, ist für viele dieser Christen Grund genug, sie zu wählen.

„Viele der für rechtes Denken offenen Christen haben ein großes Problem mit dem Islam.“

Und das obwohl die Partei den Schutz des ungeborenen Lebens in ihrem Grundsatzprogramm an einer Stelle auch mit demographischen Erwägungen verquickt, nämlich wenn sie die hohen Abtreibungszahlen unter dem Punkt „Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“ beklagt und anstrebt, „mittels einer aktivierenden Familienpolitik eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung“ zu erreichen. Eine solche Haltung passt nicht zum Christentum, weil vor Gott jeder werdende Mensch gleichwertig ist, egal ob deutsch oder nicht.

Auch die pauschale Ablehnung des „Gendermainstreamings“ durch die AfD zieht viele Christen an, die nicht nur bei diesem Thema ein striktes Schwarz-Weiß-Denken an den Tag legen. Statt zwischen begrüßenswerten Antidiskriminierungsbestrebungen zu Gunsten von Frauen und Homosexuellen einerseits und überzogener Gendersprache andererseits zu unterscheiden, behaupten viele flagrant, mit dem „Genderwahn“ solle eine „Umerziehung“ hin zu „geschlechtsneutralen Menschen“ herbeigeführt werden.

Ebenso wie die AfD haben auch viele der für rechtes Denken offenen Christen ein großes Problem mit dem Islam. Während die Großkirchen einen respektvollen Dialog mit Muslimen pflegen, formen diejenigen, die eine „Islamisierung“ herbeireden, das universalistische Christentum zu einem Abwehrbollwerk gegen den Islam und einer Art Wutreligion um.

Daraus erklärt sich auch ihre große Aversion gegenüber muslimischen Flüchtlingen, in denen sie eine Bedrohung des „christlichen Abendlands“ sehen. Die „Nächstenliebe“ deuten sie dabei in ein örtlich zu verstehendes Prinzip um, so dass Flüchtlinge als „Fernste“ gar nicht erst darunterfallen.

Zudem, und auch das erklärt die Nähe vieler zur AfD, tendieren sie dazu, den Absolut- beziehungsweise Wahrheitsanspruch des Christentums auf die politische Ebene zu übertragen, weshalb AfD-Parolen wie der „Mut zur Wahrheit“ bei ihnen verfangen. Diese politreligiöse Grundhaltung führt dazu, dass sie oftmals sogar eine ausgesprochene Respektlosigkeit gegenüber Kirchenvertretern zeigen, die für Empathie in der Flüchtlingsfrage stehen.

Da kann dann ebenso wie Papst Franziskus auch der theologisch durchaus konservative Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki in Ungnade fallen, nur weil er ein Flüchtlingsboot auf der Domplatte platziert und die Pegida-Bewegung kritisiert.

Es gilt also wachsam vor jenen Christen zu sein, die das Evangelium in eine Religion der Unbarmherzigkeit und Kälte umfunktionieren.