Debatte

Stellt der medizinische Durchbruch unser Menschsein infrage, Herr Jaeger?

Archivartikel

Der Geschwindigkeit der modernen Genetik sind die politischen Entscheidungsträger nicht gewachsen, sagt Wissenschaftler Lars Jaeger. Doch die bewegt sich zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisdrang und kapitalistischer Verwertungslogik. Ein Gastbeitrag.

"Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort. Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?", lässt Goethe seinen Faust im Angesicht der ersten Worte des Johannes-Evangeliums aussprechen. Gemeint ist das Wort Gottes bei der Erschaffung der Welt. In der modernen Wissenschaft ist von Gott kaum mehr die Rede. Unterdessen verstehen die Physiker die grundlegende Sprache der Natur, und den Biologen gelang es vor etwa 50 Jahren ihrerseits, die Sprache des Lebens zu dechiffrieren. Seitdem lesen sie seine Worte im Codex der DNA. Doch galt lange, dass die "DNA-Worte" in unserem Genom fest vorgeschrieben waren, ganz wie diejenigen Gottes in der Bibel.

Als jedoch in den 1970er Jahren die Möglichkeit genetischer Manipulationen auf den Radarschirmen der Biologen auftaucht, öffnet sich die Tür zu einer neuen technologischen Dimension. Darin verwandelt sich die Genetik des Menschen vom Objekt der wissenschaftlichen Forschung zum Gegenstand technologischer Manipulation. Zur Vereinnahmung der Natur durch den Menschen, die bis dahin unsere Kulturgeschichte ausgezeichnet hat, gesellt sich seitdem ein zweites Projekt: die genetische Umgestaltung des Menschen und seiner körperlichen und geistigen Anlagen und Fähigkeiten. Nun zeichnet sich ab, dass sich dieser Prozess massiv beschleunigen könnte. Damit bahnt sich eine Entwicklung an, die nicht nur für prinzipielle Gegner der Gentechnologie eine Horrorvision darstellt.

Auslöser für Begeisterung auf Seiten der Biologen und Horror auf Seiten vieler Ethiker ist die neue gentechnologische Methode "CRISPR". Was für die meisten Menschen so harmlos klingt wie ein Müsliriegel ist für Biologen und Ärzte der wohl bedeutendste wissenschaftliche Durchbruch dieses Jahrhunderts. "CRISPR" steht für "clustered regularly interspaced short palindromic repeats" und beschreibt bestimmte Abschnitte sich wiederholender DNA-Stücke im Erbgut von Bakterien. Bei Infektion mit Phagen (Viren) ist es ihnen damit möglich, Teile der viralen Fremd-DNA in ihre eigene DNA zu integrieren. Der eingegliederte DNA-Teil funktioniert dann wie ein Fahndungsfoto. Sobald Viren mit dieser DNA das Bakterium erneut angreifen, erkennen die Bakterienzellen die exogene DNA und können sofort den gewünschten Schutz aufbauen. So werden die Bakterienzellen gegen die Viren immun. Zu diesem Zweck gesellt sich zur CRISPR-DNA das Enzym "Cas9". Der zusammengesetzte Komplex aus beiden ist für die Gentechniker nun besonders interessant, denn er funktioniert wie Legobaustein-Finder und Schere zugleich: Die Geningenieure bestücken den CRISPR/Cas9-Enzymkomplex mit einer Sequenz, die genau komplementär zu der gewünschten DNA-Zielsequenz ist. Dieser findet dann die gewünschte Zielsequenz in der DNA und schneidet sie genau dort auf. Daraufhin lässt sich eine beliebige neue Gensequenz einbauen oder eine alte ersatzlos entfernen.

Die neue Technologie besitzt eine schier unglaubliche Potenz. Ob in pflanzlichen, tierischen oder menschlichen Zellen, mit ihr lassen sich Gensequenzen punktgenau ersetzen, verändern oder entfernen, und dies schnell, präzise und sehr billig. Was früher Wochen, Monate oder Jahre gedauert hat und zudem sehr fehlerhaft war, lässt sich mit CRISPR/Cas9 mit sehr hoher Genauigkeit in Stunden und Tagen erreichen. Die dafür notwendige technologische Infrastruktur findet sich in jedem durchschnittlichem Genlabor, ja bald vielleicht sogar in gymnasialen Schulklassen.

Schon träumen die Mediziner davon, mit CRISPR nicht nur zahlreiche Erbkrankheiten behandeln zu können, sondern auch Menschheitsplagen wie Aids, Malaria, Diabetes, Krebs und zahlreiche altersbedingte Krankheiten. Und die Frage steht bereits im Raum: Lassen sich mittels CRISPR zuletzt sogar menschliche Eigenschaften wie Schönheit und Intelligenz genetisch beeinflussen? Mäuse können die Biologen mit gentechnischen Methoden schon bedeutend intelligenter machen. Wie lange wird es noch dauern, bis ihnen dies auch beim Menschen gelingt? Tatsächlich scheint dies mit CRISPR/Cas9 sehr viel schneller möglich zu werden als dies noch vor wenigen Jahren selbst die größten Optimisten unter den Gentechnologen für möglich hielten. So spekulieren die Wissenschaftler schon nicht mehr darüber, ob das erste "CRISPR-Baby" kommen wird, sondern darüber, wo es wohl geboren wird.

Mit Blick auf die jeweilige Gesetzeslage lautet die Antwort gemäß einer Umfrage des Wissenschaftsmagazin "Nature": in Japan, China, Indien oder Argentinien. Und in den letzten Wochen ist noch ein weiterer Kandidat diesem Kreis beigetreten: Ende Juli wurde der erste bekannte Versuch publik, auch in den Vereinigten Staaten mit CRISPR genetisch veränderte menschliche Embryonen zu erschaffen. Und die amerikanischen Forscher konnten dabei aufzeigen, dass es möglich ist, bei der Anwendung von CRISPR auf menschliche Embryonalzellen Fehler, die aus den bisherigen Experimenten aufgetreten waren, zu vermeiden.

Nicht weniger bedeutende Möglichkeiten ergeben sich mit CRISPR auf dem Gebiet der Pflanzenzucht. Anders als mit bisherigen gentechnischen Methoden hergestellte (transgene) Pflanzen würden sich Organismen, die mit CRISPR/Cas9 verändert werden, kaum von natürlichen Mutationen unterscheiden lassen, da nur einzelne punktuelle und spezifische genetische Veränderungen vorgenommen werden, die auch in der Natur entstehen könnten. Dadurch ließen sich beispielsweise ganz spezifische Resistenzen gegen Pilze oder andere Krankheitserreger in das Genom heutiger besonders ertragreicher, aber gegen bestimmte Erreger empfindliche Reis- oder Weizensorten implantieren, die sich dann nur in dieser einen Eigenschaft, beziehungsweise in dem einen Gen von den ursprünglichen Sorten unterscheiden. Diese Form der Gentechnik wäre für Konsumenten vielleicht akzeptabler, da ihre Eingriffe viel kontrollierter verliefen und prinzipiell einer natürlich vorkommenden Art entsprechen könnten. So verspricht CRISPR insbesondere in armen Ländern ganz neue Ertragsmöglichkeiten für Nutzpflanzen. Einige europäische Länder, wie beispielsweise Schweden, haben bereits erste Feldversuche mit CRISPR-modifizierten Pflanzen genehmigt, und dies genau mit dem Hinweis, dass sich diese nicht grundsätzlich von konventionellen Züchtungen oder natürlichen Mutationen unterscheiden und daher doch gar nicht als "genveränderte Pflanzen" angesehen werden sollten.

Eine Hauptsorge der Bioethiker ist, dass es durch CRISPR sehr viel einfacher wird, modifizierte DNA in die Keimbahn von Lebenswesen einzubringen und damit deren Eigenschaften dauerhaft zu beeinflussen. So bemühen sich die Biowissenschaftler bereits seit Jahren um Verfahren, durch gezielte genetische Beeinflussung der vererbbaren Eigenschaften spezifische Veränderungen in ganzen Populationen von Lebewesen zu erreichen, beispielsweise um in der Natur vorkommende krankheitserregende Insekten weniger gefährlich zu machen. Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von "gene-Drive". CRISPR/Cas9 verleiht den Biotechnologen mit einem Mal neue, schier grenzenlose Möglichkeiten, diesen Prozess gezielt von außen zu steuern. Normalerweise vermögen sich (vorteilhafte) Mutationen, ob zufällig entstanden oder mit Absicht erzeugt, erst im Verlaufe von vielen Generationen in einer freien Population auszubreiten, da sie gemäß den Mendel'schen Regeln jeweils nur an die Hälfte der Nachkommen vererbt werden. Doch mit Hilfe der CRISPR-Technik gelingt es den Biologen, die genetische Veränderung auf einem elterlichen Chromosomenstrang auf einfache Art und Weise auf den anderen Chromosomenstrang in der diploiden Zelle zu kopieren. Damit ist es möglich, den natürlichen Wert der erblichen Übertragung von veränderten Genen von 50 Prozent auf 100 Prozent zu bringen. Eine angestrebte genetische Veränderung kann sich so innerhalb sehr kurzer Zeit in der gesamten Population durchsetzen.

Die CRISPR-Technik erscheint wie ein Flaschengeist, der den Biologen all ihre Wünsche zu erfüllen verspricht. Doch eine Technologie, die potentiell ganze Spezies verändern und ausrotten kann, auch wenn dies zunächst Krankheitserreger sind, oder die Designer-Babys ermöglicht, wirft gewaltige ethische Fragen auf, die Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger erst beginnen zu verstehen. Dabei ist die mit CRISPR verbundene Entwicklung derart rasant, dass das Reaktionsvermögen unserer gesellschaftlichen Entscheidungsträger wohl bedeutend zu langsam ist, um diesen Geist bei Bedarf wieder in seine Flasche zu bringen. Doch können wir wirklich wollen, dass Eltern über detaillierte Eigenschaften ihres Nachwuchses entscheiden? Was würde es bedeuten, wenn gentechnisch optimierte Menschen denjenigen, die ihren Gen-Mix nach dem Millionen Jahre alten "Zufallsverfahren" erhalten haben, hinsichtlich kognitiver oder körperlicher Fähigkeiten deutlich überlegen sind? Im Westen scheitern derartige Möglichkeiten noch an gesetzlichen Hürden, und die Bedenken gegen solche Formen der Eugenetik (Erbgesundheitslehre) sind generell groß. Anders in China, wo man eugenischen Bemühungen sehr viel offener gegenüber ist.

Hinter der CRISPR/Cas9-Technolgie stehen gewaltige ökonomische Interessen. Denn die CRISPR-Patente könnten Milliarden von US-Dollars wert sein. Und die kapitalistische Verwertungslogik, die hier wie so oft kurzfristig agiert und externalisierte Kosten einfach ignoriert, ist eine mächtige Kraft, die einer Differenzierung und ethischen Reflexion dieser neuen Technologie entgegenwirkt. Dabei geht bei Fragen wie der geeigneten Verwendung von CRISPR um weit als ein paar Milliarden Dollar Gewinn. Es geht um nichts weniger als das Überleben der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen. Wie wir mit ihnen umgehen, bestimmt die Zukunft unserer individuellen Würde und Freiheit und unseres Menschseins an sich. Denn die Möglichkeiten von Technologien wie CRISPR stellen in letzter Hinsicht jeden von uns in Frage.