Debatte

Warum halten sich Verschwörungsmythen so hartnäckig, Herr Blume?

Die sozialen Medien befeuern antisemitischen Verschwörungsglauben, meint der Religionswissenschaftler Michael Blume. Gerade wer sozial isoliert sei, lasse sich leichter durch digitale Echokammern beeinflussen. Ein Gastbeitrag.

Und wieder geschah ein gewalttätiger Angriff auf einen Juden, diesmal in Hamburg. Und wieder überbieten sich hilflos wirkende Stimmen in Empörung, während gleichzeitig beteuert wird, der in Militärkluft gewandete Angreifer, ein Deutscher kasachischer Herkunft, habe „geistig verwirrt“ gewirkt und sei ein „Einzelfall“.

Doch die bittere Wahrheit ist: In Baden-Württemberg hatten das Innenministerium, die Polizei und mein Büro bereits im September 2019 – also „vor“ dem Attentat auf die Synagoge von Halle – mit den jüdischen Gemeinden einen Sicherheitskongress ausgerichtet und ein Konzept verabredet. Dies nicht, weil wir es geraten hätten, sondern weil wir seit Jahren einen wachsenden Hass vor allem im Internet bemerken, der sich immer öfter in Straf- und Gewalttaten entlud.

Einerseits orientieren sich viele Internet-Suchprozesse an den bisherigen Aktivitäten der Nutzer und verstärken so deren Wahrnehmungen und Einstellungen. Diese sogenannte Filterblase greift bei Menschen mit dem Glauben an eine geheime Weltverschwörung sehr stark. Wer früher alleine oder am Stammtisch über die vermeintliche Macht „der Juden“ seinen Unmut kundtat, findet nun mit wenigen Klicks Anschluss an digitale Foren und Gruppen, wo sich die Leute gegenseitig in ihrem Hass bestärken, aufputschen und schließlich anstacheln.

Bei fast allen bisherigen Ermittlungen ergab sich, was ich jetzt auch für den Angreifer von Hamburg erwarte und auch für den mutmaßlich rassistischen Brandstifter von Marbach für denkbar halte: Fast nie sind es völlig isolierte „Einzeltäter“, oft bestehen digitale Kontakte zu anderen, extrem ausgerichteten Personen. Zu oft vermuteten psychischen Erkrankungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie Einsamkeit besteht gerade kein Widerspruch.

Gerade wer ohnehin isoliert und anfällig ist, kann durch die digitale Mischung aus Gruppen, Echokammern und Videos sehr viel leichter und schneller in finstere Parallelwelten abstürzen, als dies früher der Fall war. So zeigt eine aktuelle, internationale Befragung von Plan International, dass gerade auch Mädchen und junge Frauen in 22 Ländern – und sogar überdurchschnittlich stark in Deutschland – massiv digitale Übergriffe in „sozialen Medien“ erleiden. Nicht wenige ziehen sich zurück.

Gefühl von Ohnmacht

Eine europaweite Befragung unter Jüdinnen und Juden gab in 2012 ebenfalls Einblicke in die Zunahme von Hassattacken, eine zweite Befragung in 2018 bestätigte den weltweit zunehmenden Trend. Als Beauftragter gegen Antisemitismus erlebte ich gerade auch auf Facebook solche Unmengen an Übergriffen, Drohungen und Digital Fakes (gefälschten Profilen, Bildern und Nachrichten), dass ich schließlich im Oktober 2019 aus Protest meinen Account schloss.

Denn zu allem Übel saugen die sogenannten „sozialen Medien“ nicht nur unsere Aufmerksamkeit an sich, sondern finanzieren sich über Werbung, die sie damit den klassischen Medien wie Radio und Zeitungen entziehen. Die Folge: Viele Internetnutzer, bis hin zu meinen eigenen Kindern, erfahren heute digital weit mehr internationale Nachrichten denn je, aber kaum noch etwas über ihre Stadt, ihre Vereine und Jugendgruppen, die örtliche Kommunalpolitik. Das Gefühl, dass „die da oben“ Politik machen und „man ja doch nichts tun kann“ schleicht sich so in die Gefühlswelt. Der klassische Ansatz unserer föderalen Republik, dass Demokratie vor Ort gelernt und dann über Länder, Bund und Europa mitgestaltet wird, gerät so aus dem Blick. In der Psychologie spricht man dann vom „Gefühl fehlender Selbstwirksamkeit“ – die mit einer Zunahme von Verschwörungsglauben einhergeht.

Und warum tendieren so viele Unzufriedene dann ausgerechnet zum Antisemitismus, zum Hass auf Jüdinnen und Juden? Weil das Judentum die erste Religion des Alphabetes und der Bildung war. Die Wurzeln unseres genialen Schriftsystems, das alles in nur 30 Buchstaben ausdrücken kann, entstand vor etwa 3700 Jahren aus dem Sinai aus ägyptischen Schriften und „demokratisierte“ erstmals die Schrift. So besteht eine heutige Thora, die fünf Bücher Moses auch im christlichen Kanon, aus genau 304 805 handgeschriebenen Buchstaben. Darin steht, dass Gott jeden Menschen „nach seinem Ebenbild“ geschaffen habe. Daraus entstand der Begriff der Bildung.

Jüdische Tradition der Schrift

Bis heute feiern Juden das Aufwachsen eines Kindes mit der Bar und Bat Mizwa: Der Junge oder das Mädchen werden zur Schriftlesung gerufen und dann jubelt die Gemeinde und es regnet Bonbons. Dass vor rund zweitausend Jahren Jesus als zwölfjähriger Sohn eines armen Zimmermannes drei Tage mit Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem diskutieren konnte, die den Jungen ernst nahmen, war damals in keiner anderen Kultur denkbar. Bis heute nennen wir das Alphabet nach den ersten beiden hebräischen Buchstaben Aleph (Rind) und Beth (Haus).

Der Sohn Noahs, Sem – der auch im Begriff Anti-Sem-itismus steckt – ist nach jüdischer Tradition ausdrücklich kein Begründer einer semitischen „Rasse“; es gibt Jüdinnen und Juden aller Hautfarben. Nein, Shem, wie er hebräisch heißt, gilt als der erste Begründer eines Lehrhauses, der allen, die es wollten, die Alphabetschrift sowie Religion und Recht vermittelt habe.

Dass heute nach dem Judentum auch das Christentum und der Islam Heilige Schriften in Alphabetschriften haben, dass wir gemeinsam nicht mehr kreisförmige, sondern linear aufsteigende Kalender haben und dass sich die Welt-Zeitrechnung nach einem Juden aus einer Arbeiterfamilie richtet, ist also kein Zufall, sondern Ergebnis dieser enormen Informationsrevolution. Deswegen wunderte man sich schon in der Antike über die Bildung und den Zusammenhalt der Hebräer – nur landen heutige Verschwörungsgläubige fast nie beim Glauben an eine Weltverschwörung der Brasilianer, Australier oder Quäker, sondern fast immer im Antisemitismus.

Andere Menschengruppen werden rassistisch abgewertet – Juden aber werden als besonders schlau, reich und verschwörerisch gedacht. Und deswegen erlebte ich zum Beispiel im Irak, dass ein Antisemitismus dort besonders stark sein kann, wo es gar keine jüdischen Gemeinden mehr gibt. Dort flüsterte man mir zu, dass der türkische Präsident Erdogan oder der damalige „Kalif“ des selbst ernannten „Islamischen Staates“ heimlich jüdisch wären; hier in Deutschland behaupten Antisemiten das Gleiche etwa über Angela Merkel und den Virologen Christian (!) Drosten.

Angriffe auf Rechtsstaat

Kurz: In den antisemitischen Verschwörungswahn kann jede und jeder als vermeintlich jüdisch oder –wie derzeit Bill Gates – als Beteiligter der vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung „identifiziert“, beschuldigt und angegriffen werden.

Jonathan Sacks, der ehemalige Oberrabbiner von Großbritannien, warnte zu Recht: „Antisemitismus startet immer mit Juden, aber er endet nie bei Juden.“ Am Ende attackieren Antisemiten immer die freien Medien, den demokratischen Rechtsstaat und schließlich auch einander. Wer da immer noch von „geistig verwirrten Einzeltätern“ schwadroniert, hat nicht verstanden, wie gefährlich diese längst globale Tradition des Hasses in unserer Zeit digitaler Verrohung wieder geworden ist.

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