Debatte

Wie können wir die Macht über unsere Daten zurückerobern, Herr Weigend?

Archivartikel

Heute keine Daten mehr erzeugen zu wollen, kann gar nicht funktionieren. Sie zu bearbeiten und zu kontrollieren, aber schon, sagt Andreas Weigend - ehemaliger Chefwissenschaftler von Amazon. Ein Gastbeitrag.

Seit 2006 veröffentliche ich auf meiner Website jede Vorlesung und Rede, die ich halten werde, und jeden Flug, den ich buche, bis hin zur Nummer meines Sitzplatzes.

Wie, fragen Sie nun vielleicht, kann ich nun also fordern, dass wir Menschen die Macht über unsere persönlichen Angaben zurückerobern? Zurück von jenen Datenraffinerien, die mit unseren Daten arbeiten, sie gewissermaßen abbauen?

Für mich persönlich gilt: Ich bin überzeugt, dass der reale, greifbare Mehrwert, den wir aus der Mitteilung von Informationen über uns ziehen, die Risiken überwiegt. Und dennoch finde ich: Wir müssen wissen, was bei den Datenraffinerien mit unseren Informationen passiert. Dafür müssen wir jedoch zunächst verstehen, wie Firmen gegenwärtig mit unseren Angaben umgehen - um so zu schlussfolgern, was sich ändern muss, um die Macht über unsere Daten zurückzuerobern.

Blicken wir etwa zu Amazon, eine der ersten bedeutenden Datenraffinerien, die nicht überraschend im Einzelhandelssektor tätig ist. Um als Einzelhändler erfolgreich zu sein, muss man wissen, welche Produkte man für seine wahrscheinlichen Kunden ins Sortiment nehmen und vorrätig halten muss, und dazu gehört, laufend Informationen über Lagerbestände, Preise, Werbung und Kaufgewohnheiten der Kundschaft auszuwerten.

Dass mein alter Arbeitgeber dies erfolgreich praktiziert, macht ein Blick in das Herkunftsland von Amazon deutlich: 2015 begann beinahe die Hälfte aller Interneteinkäufe in den Vereinigten Staaten mit einer Suche bei Amazon. Eine große, einflussreiche Datenraffinerie also, bei der ich einst als Chefwissenschaftler gearbeitet habe. Meine Arbeit dort zeigt aber auch: Zwar ist jede dieser Raffinerien eigentlich eine Maschine, doch diese läuft nicht ohne menschliche Steuerung.

Denn: Ein Datenunternehmen kann hinsichtlich seiner internen Mechanismen zwar vollkommen transparent sein, das gewährleistet aber noch nicht, dass es die von uns stammenden und durch uns erzeugten Angaben auch zu unserem Wohl nutzt. Die Leute, die für die Konstruktion der Maschine verantwortlich sind, mögen uns sagen (und glauben es vielleicht selbst), dass sie am besten wissen, wie man den Nutzern alle erdenklichen Raffinessen bietet.

Aber wie können wir wissen, ob die Raffinerie nicht mehr als ein Flipperautomat ist, bei dem die Nutzer nicht mehr sind als eine Kugel? Nicht mehr als ein Spielzeug, das im Apparat in jeder erdenklichen Weise herumgestoßen und herumgewirbelt wird, ganz nach dem Belieben der Leute, die es in ihrer Gewalt haben?

Wenn die Leute, die mit den Kugeln spielen, eine Kommission oder einen Bonus bekommen, jedes Mal, wenn der Ball eine Werbeanzeige oder ein anderes Stück bezahlten Inhalts berührt, dann dürfen wir uns einer Sache gewiss sein: Die Maschine ist so konstruiert, dass die Chancen für genau dieses Geschehen optimiert sind.

Das ist der Grund, warum Transparenz darüber, wie solche Raffinerien arbeiten, längst nicht genug ist. Wir brauchen auch Handlungsfähigkeit - die Fähigkeit, frei zu entscheiden, wie unsere Angaben genutzt werden. Wir müssen für uns einen Platz an den Kontrollpulten der Raffinerien fordern, um so die Macht über unsere Daten zurückerobern zu können. Das gilt auch für die Art, wie wir mit Raffinerien in Austausch treten.

Einmal weg vom großen Ganzen und hin zu einem alltäglichen Beispiel, dass den Sinn einer Handlungsfähigkeit des Nutzers deutlich macht: Die Kennzeichnung eingehender E-Mails als "Spam" oder "kein Spam", das wir liebend gern dem Computer überlassen, kann sich verbessern, indem man den Nutzern mehr Handlungsfähigkeit gewährt. Spam-Filter geben uns die Option, eine E-Mail als "kein Spam" zu markieren, um die fehlgeleiteten E-Mails in den Posteingang zu befördern und die Regeln für die Verteilung von E-Mails anzupassen. Diese Rückmeldung verbessert die Leistung des Systems für uns. Um jedoch das System weiter zu verbessern, könnte unser E-Mail-Provider eine Analyse anbieten, warum eine Botschaft in unseren Spam-Ordner bugsiert wurde.

Auch könnten wir die Option erhalten, uns intensiver mit den Regeln zu befassen und sie anzupassen, damit sie unsere Präferenzen und Kommunikationsmuster besser widerspiegeln. So könnten wir aggressive Regeln festlegen, um Spam-Nachrichten herauszufiltern, falls wir nicht viel Zeit damit verbringen möchten, sie manuell zu entfernen - und uns keine großen Sorgen machen, fälschlich entsorgte Nachrichten zu verlieren.

Wollen wir andererseits sichergehen, dass wir keine Nachrichten verpassen, und stören uns nicht weiter daran, zusätzlich Zeit damit zu verbringen, Junk-Mails durchzusehen, könnten wir die Parameter großzügiger einstellen.

Es stellt sich also die Frage: Warum werden uns nicht mehr Bereiche angeboten, um Feedback in die Maschinen einzuspeisen und uns ein größeres Mitspracherecht einzuräumen, wie unsere Nachrichten klassifiziert werden? Um dies zu tun, müssten E-Mail-Anbieter die Dimensionen offenlegen, die sie bei der Spam-Analyse verwenden, und den Nutzern durch Anpassung der Regeln erlauben, darüber mitzuentscheiden, wie ihre Nachrichten verarbeitet werden.

Um die Handlungsfähigkeit der Nutzer zu stärken, ist es erforderlich, die Verfügungsgewalt über Daten und den Veredelungsprozess stärker in die Hände der Einzelnen zu legen. Es gibt vier Hauptwege, auf denen uns ein Datenveredler mehr Kontrolle geben kann: das Recht, Daten zu ergänzen; das Recht, Daten unkenntlich zu machen; das Recht, mit unseren Daten und den Einstellungen der Raffinerie zu experimentieren; und das Recht, unsere Daten zu portieren, also woandershin mitzunehmen.

Das Recht auf Ergänzung stärkt unsere Handlungsfähigkeit durch die Kraft des Selbstausdrucks, während das Recht, Daten unkenntlich zu machen, dies durch die Stärkung unserer Selbstbestimmung erreicht.

Ein Beispiel, warum dieses Recht sinnvoll ist, ist der Online-Einkauf. Denn erwirbt man einen Artikel, muss der Einzelhändler die spezifische Artikelnummer des erworbenen Produkts kennen, und dessen detaillierte Merkmale verraten unter Umständen recht viel über uns als Konsumenten. Bei delikateren Käufen möchten wir einen Artikel deshalb womöglich lieber mit einer undeutlicheren Kategorie bezeichnet wissen, etwa "Massagegeräte" oder "Wellness und Entspannung", oder er wird unter einer Unterabteilung wie "Gesundheit und Körperpflege" oder "Gesundheits- und Haushaltsprodukte" verbucht.

Wenn die exakte Artikelnummer so weit verwischt wird, dass nur noch eine grobe Produktkategorie übrig bleibt, schützt uns dies für den Fall, dass wir Opfer eines Hackerangriffs werden oder vergessen haben, uns bei einem gemeinsam genutzten Computer aus unserem Benutzerkonto auszuloggen, vor peinlichen Enthüllungen.

Natürlich würde sich die Verschleierung von Produktdaten auf die Produktempfehlungen auswirken, die wir zu sehen bekommen, da die Verknüpfung von unserer Einkaufshistorie zur Artikelnummer nicht länger existieren würde - aber in diesem Szenario weniger personalisierte Empfehlungen zu erhalten könnte genau unseren Präferenzen entsprechen.

Aber auch das Recht auf Experimente ist wichtig, es steigert unsere Handlungsfähigkeit durch Ausweitung unserer Freiheit, Entdeckungen zu machen, während das Recht auf Datenportierung dies durch Ausweitung unserer Bewegungsfreiheit tut. Die Entwicklung von Werkzeugen, die auf diesen vier Rechten basieren, wird die Informationsprodukte und -dienstleistungen von Raffinerien verbessern und eine Ökonomie nach dem Ende der Privatsphäre hervorbringen, in der wir Daten nach unseren eigenen Bedingungen für uns arbeiten lassen können.

Und: Die vier geschilderten Rechte unserer Handlungsfähigkeit laden die Nutzer ein, die Verantwortung für ihre Daten und die Einstellungen zu übernehmen, die Einfluss auf die Erzeugnisse der Raffinerien haben, statt nach "Vater Staat" zu rufen, um genau zu regulieren, wie, wann und wo die Daten der Menschen benutzt werden dürfen. Es ist jedoch wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, was Menschen im Vergleich zu Maschinen gut können.

Ich bin davon überzeugt, wir sollten die Menschen das tun lassen, worin sie gut sind, und die Computer machen lassen, was diese am besten können. Beides sollte man nicht durcheinanderbringen. Zu lernen, was man selbst kontrollieren und was man der Kontrolle der Maschine überlassen sollte, kommt mit der Erfahrung.

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