Debatte

Wie können wir gescheiter scheitern, Herr Arnet?

Archivartikel

In einer von Leistung geprägten Gesellschaft ist der offene Umgang mit Niederlagen ein eher schwieriges Unterfangen. Dabei sind Misserfolge lehrreich, sagt Felix Maria Arnet – wenn man richtig mit ihnen umgeht. Ein Gastbeitrag.

Mein Name ist Felix Maria Arnet und ich bin gescheitert ... brutal gescheitert. Dieser Satz ist ein „Pass-Wort“, mein Passwort für ehrliche und authentische Gespräche anstelle der Posen, in die wir uns in unserer wettbewerbsorientierten und fehlerintoleranten Gesellschaft werfen, um etwas zu gelten und dazuzugehören. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – so gehört sich das! Wie ungehörig, ein Gespräch zu beginnen mit „... und ich bin gescheitert“.

Der Schock steht meinen Gesprächspartnern stets ins Gesicht geschrieben. Aber dann entwickeln sich enorm interessante Gespräche, in denen persönliche Geschichten erzählt werden, Misserfolgs-Geschichten. Denn Scheitern ist an der Tagesordnung. Es passiert, stündlich, täglich, jedem. Dennoch ist es ein Tabu.

Unsere Verklemmtheit gegenüber dem Scheitern ist dabei keine angeborene, sondern eine antrainierte. Als Kinder sehen wir das ganz locker, denn Scheitern ist vor allem eines: ein Lernprozess. Denken Sie mal zurück, wie Sie das Krabbeln und Laufen gelernt haben oder das Radfahren und Skilaufen. Da waren blutige Nasen und zerrissene Hosen ständiger Begleiter, nicht wahr? Diese Unverschämtheit im Umgang mit Niederlagen dauert etwa bis ins Teenageralter an. Mit dem Anbruch von Zensuren, Zeugnissen und Schulempfehlungen lernen wir die klassifizierende und diskriminierende Wirkung des Scheiterns kennen. Wir scheuen es, leugnen es und fürchten es für den Rest unseres Lebens. Schon das Wort selbst ist ein Stigma. Man kennt kaum ein vernichtenderes Urteil als „gescheiterte Existenz“. Aber warum das?

Ironischerweise ist überall dort, wo Höchstleistungen vollbracht werden, in Wissenschaft, Kunst und auch im Sport, Scheitern nicht nur der Normalfall, sondern sogar hochwillkommen als Treiber von Erkenntnis und Fortschritt. Trial-and-error (Versuch und Irrtum), oder ‚Fail-forward’ (vorwärts- oder voranscheitern) wie ich es nenne, ist kein Unfall, sondern hat Methode.

Viele wegweisende Entwicklungen der Geschichte waren tatsächlich Ergebnisse gescheiterter Versuche und reine Zufallsfunde – Penizillin, Röntgenstrahlen, selbst das Post-it, ganz zu schweigen von der Entdeckung Amerikas. Thomas Alva Edison hat den Charme des Scheiterns ganz cool so benannt, nachdem ihm auf der Suche nach dem richtigen Material für den Glühfaden wieder mal einer durchgebrannt war: „Gut. Jetzt kennen wir schon 4000 Wege, wie es nicht geht.“

Ich sage nicht ohne Grund ‚cool’, denn an Edisons Reaktion sehen wir vor allem eines: Dem Scheitern begegnet man am besten mit dem Kopf, also verstandesgeleitet. Gescheit scheitern heißt, alle dunklen Emotionen wie Wut, Scham, Schuld und Angst zu beherrschen. Emotionen machen Krisen nur schlimmer. Sie versetzen uns in einen Teufelskreis, an dessen Ende der totale Kontrollverlust steht. Damit der Kopf wieder über Herz und Bauch herrscht, habe ich anhand meines eigenen Scheiterns unter anderem ein Notfall-Programm aus fünf Punkten definiert.

Erstens: Machen Sie einen Punkt hinter das Geschehene.

Was geschehen ist, ist geschehen. Es ist und bleibt in der Welt. Daher sollten Sie keinerlei Energie mehr darauf verwenden. Hätte, hätte, Fahrradkette ... Solche Grübelei ist eine rein emotionale Reaktion und verlängert die Krise. Es erleichtert enorm, wenn man aktiv einen Punkt setzt und erkennt, dass alles ein Ende hat, auch eine Krise. Sie stehen wieder auf Los. Aber warten Sie nicht darauf, dass Ihnen jemand die Würfel reicht. Sie selbst müssen beginnen, neu beginnen.

Zweitens: Suchen Sie sich einen Co-Piloten.

Suchen Sie sich einen Helfer, allerdings nicht irgendeinen. Sie brauchen einen unbeteiligten, unbestechlichen Menschen, der weiß, dass Scheitern zum Leben gehört, keine Angst davor hat oder es sogar selbst erlebt und überlebt hat. Der Co-Pilot muss empathisch sein, ohne mitzuleiden und engagiert ohne Sie über die Maßen zu beeinflussen. Es muss gegenseitiges Vertrauen zwischen Ihnen beiden herrschen. Zugegeben – so jemanden trifft man nicht beim Warten am Postschalter. Wie findet man einen Co-Piloten? Kandidaten werden sich zu erkennen geben durch die Art, wie sie auf Ihr Scheitern reagieren. Also raus mit der Sprache! Ihr Scheitern braucht ein mutiges Coming-Out. Nur so können Sie verlässliche Co-Piloten rekrutieren.

Drittens: Üben Sie den Helikopter-Blick.

Perspektivwechsel sind immer eine gute Idee, umso mehr jetzt. Der Helikopter-Blick verschafft Überblick: Wo stehe ich? Wohin könnte meine Reise gehen? Vorzugsweise zusammen mit dem Co-Piloten zeigt der distanzierte Blick auf das Scheitern, wo sich Ansätze für einen Neustart bieten. So kann man realistische Ziele definieren und die Schritte dahin planen. Wichtig dabei ist aber, dass man keinen hochfliegenden Visionen nachjagt, sondern in Etappen denkt. Was hilft mir jetzt unmittelbar? Was muss dringend erledigt werden?

Viertens: Denken Sie positiv.

Wie originell, oder?! Das ist durchaus originell, wenn man diese überstrapazierte Vokabel richtig versteht. Positives Denken bedeutet nicht durch die rosarote Brille zu blicken, sich Illusionen hinzugeben oder übertriebenem Optimismus zu frönen. Positiv Denken bedeutet Denken mit dem Ziel eines positiven Ausgangs. Es ist eine strategische Entscheidung und nicht zu verwechseln mit bloßer Hoffnung. Üben Sie sich in Gedankenhygiene und denken Sie nur an das, was Sie zum glücklichen Ausgang Ihrer Geschichte brauchen. Die notorische sich selbsterfüllende Prophezeiung gibt es nämlich auch im guten Sinne. Bleiben Sie realistisch dabei. Wägen Sie Chancen ab, planen Sie genau, entscheiden Sie schnell und handeln Sie konsequent. Es gilt nicht „Alles geht!“, sondern „Da geht noch was!“.

Fünftens: Belohnen Sie sich.

Jeder Fortschritt, noch der kleinste, soll gefeiert werden. So kommt das positive Denken von ganz allein. In Krisen vollbringen Sie erhebliche größere Leistungen als in Ihren glanzvollen Tagen.

Also feiern Sie, wenn es etwas zu feiern gibt. Gönnen Sie sich etwas Schönes, ohne dass Sie danach ein schlechtes Gewissen haben müssen. Kein Luxus oder Exzesse, sondern Erlebnisse, die Sie und Ihre Aufmerksamkeit so fordern, dass kein Gedanke an Ihr Scheitern mehr Platz findet. Die besten Belohnungen sind übrigens die, an die keiner zunächst denkt, wie ein Spaziergang um einen einsamen See, akribische Tätigkeiten wie Kalligraphie oder Modellbau, ehrenamtliche Arbeit im Krankenhaus oder Tierheim. Mehr Balsam für die Seele, mehr Qualität war nie in Ihrem Leben, versprochen!