Edingen-Neckarhausen

Edingen Außergewöhnlicher Stummfilmabend in der Kirche St. Bruder Klaus

Der Golem und die Orgel

Archivartikel

Rund 100 Besucher haben in der katholischen Kirche St. Bruder Klaus in Edingen ein optisch-akustisches Gesamtkunstwerk erlebt. Der Stummfilm-Klassiker „Der Golem – wie er in die Welt kam“ wurde durch fantastische Orgelimprovisationen eindrucksvoll unterlegt. Professor Johannes Mayr, Domorganist der Kathedrale St. Eberhard in Stuttgart, zog an der Orgel alle Register seines Könnens und versetzte die Besucher damit in eine Zeit zurück, als die Filmorgel oder der Klavierspieler wesentlicher Bestandteil einer Filmvorführung war.

Pfarrer Markus Miles begrüßte das erwartungsvolle Publikum im Gotteshaus. „Sie sehen heute einen Stummfilm der zum Klingen gebracht wird“, kündigte Miles an. Mit Professor Johannes Mayr sei ein anerkannter Meister seines Fachs am Werk. Der studierte Kirchenmusiker und mehrfach ausgezeichnete Preisträger verschiedener Orgelwettbewerbe ist an der evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen tätig. Des Weiteren lehrt er Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart. Filme wie der Golem passten auch in ein Gotteshaus, bemerkte der Pfarrer, bevor er dann kurz auf den Inhalt des Films einging.

Eine Leinwand im Altarraum verwandelte die Bruder Klaus-Kirche wenig später in ein Filmtheater. „Ich habe von der Aufführung gehört und bin extra aus Heidelberg hierhergekommen, solche Film-Darbietungen haben ein ganz besonderes Flair“, konstatierte eine Besucherin. Sie sollte Recht behalten. Die Macht der Bilder ergab sich aus dem besonderen Gestus der „stummen“ Schauspieler, die Dialoge mittels Körpersprache ersetzen. Die musikalische Begleitung durch den Organisten passte in ihrer spannungsgeladenen Dramaturgie hervorragend zu dem Streifen.

Der 1920 von Paul Wegener und Carl Boese gedrehte Film gilt als einer der hochklassigsten deutschen Stummfilme. Die mystische Geschichte spielt in Prag im 16. Jahrhundert. Die Handlung um eine mittels Magie geschaffene, übermächtige Lehmgestalt hat bis heute nichts von ihrer suggestiven Wirkung verloren. Der Golem – belebt durch einen Stern in der Brust – ist zunächst noch Retter in der Not. Doch schicksalhafte Verknüpfungen führen dazu, dass er sich gegen seinen Schöpfer wendet und seine zerstörerische Kraft nicht mehr kontrollierbar ist. Letztlich ist es ein kleines Mädchen, das ihm seinen Lebensstern entreißt.

„Mich hat das Golem-Thema fasziniert, die Symbiose aus Musik und Film war hervorragend“, kommentierte Annegret Hauer vom Gemeindeteam der Bruder-Klaus-Pfarrei die außergewöhnliche Aufführung. Für Johannes Mayr bedeutete die musikalische Begleitung des 75-minütigen Stummfilm-Klassikers Konzentration und Anspannung. Überwiegend hatte er frei improvisiert und konnte das Geschehen auf der Leinwand nur über einen kleinen Spiegel verfolgen.

„Die Orgel hier hat ihre Qualitäten, ein solides Instrument, mit dem man gut arbeiten kann“, registrierte Mayr zufrieden. Von seiner meisterlichen „Vertonung“ des Klassikers waren die Besucher restlos begeistert und spendeten lange Beifall. „Nach der gelungenen Premiere wird es vermutlich nicht die letzte Vorstellung dieser Art gewesen sein“, ließ Pfarrer Miles wissen.

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