Edingen-Neckarhausen

Neckarhausen Der Hobby-Historiker Kurt Hauck hat für seinen Enkel Erinnerungen an das Kriegsende niedergeschrieben und gezeichnet

Kinder fahren Karussell auf der Kanone

Für seinen Enkel Yannick hat der 1936 geborene Kurt Hauck seine Erinnerungen an Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges in Neckarhausen aufgeschrieben und in Zeichnungen festgehalten. Aber nicht nur für ihn: „Auch weil keiner mehr weiß, wie das war.“

Wer hat beispielsweise Kenntnis davon, dass es etwa 200 Meter von der Neckarbrücke entfernt eine Flakstellung gab? Kurt Hauck vermutet, dass sie 1944 gebaut wurde, um die Eisenbahnbrücke gegen Tiefflieger zu schützen: „Geschossen hat die Flak oft. Die Jagdbomber haben den Bereich gemieden, weniger die Brücke angegriffen, sondern den Friedrichsfelder Bahnhof und Züge auf offener Strecke.“

Die aus Steinen gebaute Flakstellung wurde nach dem Krieg abgerissen. Doch vorher hatte die Jugend von Neckarhausen noch ihren Spaß damit, erzählt Kurt Hauck lächelnd: „Auf dem Flakgeschütz haben wir gehockt. Das hat alles noch funktioniert, und wir haben daran herumhantiert. Man konnte es leicht drehen, und wir sind darauf Karussell gefahren.“ Weitere Flakstellungen gab es laut Kurt Hauck auf dem heutigen Lidl-Parkplatz im Gewerbegebiet Edingen Nord und in Feld unweit der Bäko.

Eine Begebenheit mit den alliierten Jagdbombern, kurz Jabos genannt, hat sich Hauck detailgetreu ins Gedächtnis eingebrannt. Im März 1945 spielte er mit anderen Jungen wieder einmal Fußball unweit der Schule. Plötzlich waren die Jabos da und eröffneten das Feuer aus ihren Bordkanonen. Die Kinder rannten in den nahe gelegenen Grafengarten, um sich zu verstecken. Dann merkten sie, dass der Beschuss hoch über sie hinwegging und weit entfernten Zügen galt.

Schäfer im Glück

Von ihrem Versteck aus beobachteten die Jungen einen Schäfer, der mit seiner Herde über die Ladenburger Neckarwiese zog. Als ein Jabo über ihm flog, fiel ein glänzender Gegenstand vom Himmel. Doch beim Aufschlag gab es keine Explosion. Wie sich später herausstellte, hatte der Pilot keine Bombe, sondern nur einen leeren Zusatztank abgeworfen.

Weniger Glück hatte ein Bauer, den die Jugendlichen tot zwischen Weiherhof und Bahnlinie fanden. Er hatte ein großes Einschussloch im Rücken. Kurt Hauck: „Dieses Geschehen bewegt mich noch heute. Die vergebliche Flucht unter den Baum und der unbarmherzige Schütze in dem Jabo, der dieser friedlichen Ackerbestellung ein jähes Ende gemacht hatte.“

Auch ein kleines, unspektakuläres Häuschen, das unweit der Neckarbrücke stand, hat Kurt Hauck auf einer Zeichnung festgehalten. Aus dessen Keller heraus wurde am 27. März 1945 die Neckarbrücke gesprengt. „Darin hingen noch nach dem Krieg die dicken Zündkabel, die zur Sprengladung an der Brücke geführt haben, lose an der Wand.“ Heute ist lediglich das Betonfundament erhalten. Im Umfeld der Hütte waren laut Kurt Hauck Schützengräben und eine Stellung für ein Maschinengewehr. Von hier beschossen Verteidiger die Amerikaner auf der anderen Neckarseite.

Eine weitere Verteidigungslinie befand sich im Aserdamm, der etwa parallel zur heutigen Straße Neckarhausen-Seckenheim verläuft. Hier mussten Jugendliche Schützenlöcher graben. Alles umsonst. Denn nachdem die Amerikaner beim Stauwehr den Neckar überwunden hatten, flüchteten die Wehrmachtssoldaten nach Seckenheim oder Neckarhausen. Die Schützenlöcher blieben verwaist.

Sechs Granattreffer

Den Einmarsch der Amerikaner in Neckarhausen hat Kurt Hauck nicht selbst erlebt. Die Familie verbrachte die letzten Kriegstage für die Region, rund zwei Monate vor der deutschen Kapitulation am 8. Mai, in einer Hütte zwischen Unter- und Oberabtsteinach. Von Augenzeugen erfuhr er aber später, was sich in Neckarhausen abgespielt hat. So erzählte ihm eine Frau, dass die Amerikaner im Hertelhof an der Hauptstraße Gefangene gesammelt hätten. Die deutschen Soldaten wollten heim, was die Amerikaner verhindern sollten. „Da gab es heftige Auseinandersetzungen“, erinnert sich Hauck an die Aussagen der Augenzeugin. „Die Bewacher sollen einen Mann fast totgeschlagen haben.“

Dass er damals nicht in Neckarhausen war, empfindet er als großes Glück: „Das Haus meiner Großeltern in der Hauptstraße 131 hat sechs Granattreffer abbekommen.“