Edingen-Neckarhausen

Neckarhausen Das Markthaus, das von der Insolvenz betroffen ist, nimmt auch eine soziale Funktion ein

Reden zwischen Keks und Käse

„Meine Omas kommen ein Mal am Tag einkaufen“, erzählt Roger Zimmermann von seinen lieben älteren Kunden. Das macht den Leiter des Markthaus-Supermarktes in Neckarhausen glücklich, dabei geht es den „lieben Omas“ primär gar nicht um das Einkaufen, sondern vielmehr um soziale Anbindung: „Die stehen dann eine Dreiviertelstunde beisammen und reden.“ Für Zimmermann ist das der „Wahnsinn“, denn wenn die nicht mehr ein Mal am Tag rausgehen, dann ist es auch bald vorbei, „dann findet das öffentliche Leben für die nicht mehr statt.“ Und in der Konsequenz werden die dann zum Sozialfall: „Besonders bei den Opas ist das leider oft zu beobachten.“

Laden als Lebensmittelpunkt

Für Zimmermann ist das „unbezahlbar“, wenn die Leute zwischen Keks und Käse beisammenstehen und erzählen, wenn der Supermarkt für die sprichwörtlich zum Lebensmittel-Punkt wird. „Das sind Faktoren, die sieht man nicht, wenn man nur die Zahlen betrachtet.“ Und damit spricht er das an, was ihn gerade sehr beschäftigt: Das Markthaus mit weiteren Filialen in Friedrichsfeld und Mannheim befindet sich in der Insolvenz, der Rotstift wird angesetzt, es wird zusammengestrichen, neu gerechnet, nackte Zahlen entscheiden über die Zukunft, über seine, über die seines Supermarktes und die seiner „lieben Omas.“

Vor zehn Jahren hat der Einzelhandelskaufmann beim Markthaus angefangen. Dabei hatte er zuvor eigentlich mit Lebensmittelgeschäften abgeschlossen gehabt: „Es hat für mich keinen Sinn mehr gemacht, sich nur damit zu beschäftigen, ob die Dose Tomaten nun vorne oder hinten im Regal steht.“ Doch irgendwie war es eine Herausforderung, auf gerade mal 84 Quadratmetern einen Vollsortimenter zu betreiben: „Das Markthaus hat für mich wieder einen Sinn gemacht“, insbesondere bei der Frage: „Wie kann man den Laden beleben?“

Seine „lieben Omas“ kommen von ganz alleine, dafür liegt der Lebensmittelladen zentral und gut in Neckarhausen. Und deswegen kommen auch viele Kunden von ganz alleine: „Mal schnell eine Cola, mal schnell Nahrung, Zigaretten und Zeitung, da ist man bei einem Supermarkt außerhalb des Ortes mal schnell eine Stunde unterwegs.“ Es braucht keine kilometerlangen Regalreihen mit tausenden Produkte in einem anonymen Supermarkt, wie Zimmermann erklärt: Nicht umsonst sprechen die Leute bei seinem Markthaus-Supermarkt vielmehr von einem „begehbaren Kiosk.“

Zu dritt arbeiten sie im Laden, es sind vorwiegend Menschen mit Assistenzbedarf. Zudem ist noch ein Auszubildender dabei: „Wir sind im Moment voll besetzt.“ Es könnte alles so perfekt sein. „Wir versuchen uns im Moment nicht von dem Thema negativ beeinflussen zu lassen“, so kommentiert Zimmermann die Insolvenz: „Wir versuchen weiter zu machen und es für die Firma und den Laden positiv zu sehen. Wie können wir den Job noch besser machen. Auf alles andere habe ich keinen Einfluss.“

Viele Kunden berichten ihm, dass sie jetzt erst durch die Berichterstattung in den Medien über die Hintergründe des Markthauses und insbesondere von den sozialen Aufgaben der Organisation erfahren haben. „Solche positiven Dinge müssen wir mehr in den Vordergrund stellen. Wir sind nicht nur ein Nahversorger im Ort, wir beziehen viele Produkte von lokalen Erzeugern, wir sind damit klimafreundlich, wir sind mit unseren Second-Hand-Kaufhäusern schon immer nachhaltig gewesen.“

„Wir geben Arbeit“

„Und wir sind sozial“, so Zimmermann, „wir geben Menschen einen Sinn. Wir geben ihnen Arbeit, binden sie ein in das soziale Leben. Das ist eine Kostenersparnis gegenüber jeglicher Therapie. Da muss man umdenken, wenn man nur die Zahlen aus dem Lebensmittelladen sieht.“ Und, da fällt ihm noch ein, „wir sind die einzige Lebensmittelkette mit Sitz in Mannheim.“

Die Insolvenz bewegt die Kunden, „sie kommen zu uns, kommen mit viel Lob und Dank, und mit frischen Ideen, um uns noch besser zu machen.“ Unter Zimmermann ist sein Supermarkt bereits sozialer Treffpunkt und Kulturzentrum mit Lieder- und Prosaabenden, und wenn alles gut geht, bald auch Weihnachtsmarkt.

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